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Foto: © Gerhard Frassa / PIXELIO.de

Nachnutzung Flughafen Tegel – Natur, Stadtklima und Grundwasserschutz sollen für überflüssige Gewerbefläche geopfert werden

Der Senat plant für die Nachnutzung des Flughafen Tegels ein riesiges Gewerbegebiet, dafür wurde schon der Flächennutzungsplan und das Landschaftsprogramm geändert und ein Bebauungsplan (12-50) aufgestellt. Kern der ganzen Planung ist die künftige Nutzung des Geländes als Sondergebiet „Forschung und Technologie“, wobei dies nicht nur auf die schon jetzt genutzten Gebäude bzw. Bereiche um das Terminal herum begrenzt sein soll, sondern auch große Teile des jetzigen Flugfeldes für diese Nutzung geplant sind – wenn auch mit höherem „Grünanteil“.

Der BUND begrüßt die Nutzung der Gebäude und der schon jetzt versiegelten Flächen südlich des Flugfeldes, hat aber – neben kleineren zu kritisierenden Punkten – vor allem gegen die bauliche Nutzung des Flugfeldes erhebliche Bedenken. Wesentliche Gründe für diese Bedenken sind die wichtigen Funktionen des jetzigen Flugfeldes für das Stadtklima, den Naturschutz und den Grundwasserschutz.

Klimatische Auswirkungen

Wie der Berliner Umweltatlas (Planungshinweiskarte Stadtklima) zeigt, ist das Flugfeld ein wichtiges Kaltluftentstehungsgebiet, dessen Kaltluft durch die südlichen angrenzenden unbebauten Bereiche entlang des Hohenzollernkanals und durch die Jungfernheide in die bebauten Gebiete abströmt und so zur nächtlichen Kühlung des überhitzten Stadtklimas beiträgt. Eine Bebauung des Flugfeldes würde die Kaltluftentstehung beeinträchtigen, eine zu dichte Bebauung des südlichen Bereichs würde das Abfließen in die Stadt beeinträchtigen. In Anbetracht der drohenden Erwärmung müssen diese klimatisch aktiven Räume auf jeden Fall erhalten bleiben.

Naturschutz

Das jetzige Flugvorfeld stellt wertvolle Lebensräume für die Vogelwelt dar und beherbergt nach § 26a NatSchGBln geschützte Trocken- und Magerrasen mit einer Reihe von Zielarten bzw. Rote-Liste-Arten wie Feld- und Heidelerche und die äußerst seltenen Steinschmätzer sowie den Kiesbank-Grashüpfer, Mauerfuchs, Strohhütchen und Schwalbenschwanz. Auch die wertvollen Heidebestände finden sich auf dieser Fläche. Wenn auch die wertvollsten Bereiche von der Bebauung ausgenommen und Grünfläche bzw. Wald bleiben sollen, so würden durch das Gewerbegebiet große Teile zerstört und beeinträchtigt werden.

Grundwasserschutz

Das Flugfeld ist zu einem großen Teil als Wasserschutzgebiet des Wasserwerks Tegel ausgewiesen, die nicht ausgewiesenen Flächen sind aber wichtiges Grundwasserbildungsgebiet, denn hier kann das Niederschlagswasser ungehindert versickern. Das Wasserwerk Tegel ist für die Trinkwasserversorgung der Stadt wesentlich, da es eines der wenigen Wasserwerke ist, das von den zu erwartenden hohen Sulfatbelastungen der Spree unabhängig ist. Die Grundwasserneubildung wird durch die geplante Neuversiegelung (insgesamt etwa 90 ha) erheblich vermindert.
Dazu kommt die Gefährdung durch die geplante Industrieansiedlung: Hier soll es sich zwar auch um forschungsnahe Industrien handeln, aber auch diese arbeiten möglicherweise mit wassergefährdenden Stoffen, die im Falle von schlechter Handling oder von Unfällen leicht in den Boden und wegen dessen schlechter Pufferwirkung und wegen des hohen Grundwasserstandes leicht ins Grundwasser gelangen können.

Abwägungsfehler

Diesen gravierenden Beeinträchtigungen steht ein nur schwach belegter Bedarfsnachweis gegenüber. Es wird zwar immer behauptet, dass Berlin industrielle Arbeitsplätze fehlen. Das mag stimmen. Aber dass dieses Problem auf den Mangel an Flächen zurückzuführen ist, wurde bislang nicht plausibel dargelegt. In Berlin gibt es nachweislich der ursprünglichen Zahlen des Senats keinen weiteren Bedarf an Gewerbeflächen (Stadtentwicklungsplan „Gewerbe“ von 2000) und so sahen die ursprünglichen Planungen für die Nachnutzung (Planwerk West von 2000) gar keine industriell-gewerbliche Nutzung vor. Erst nachdem die IHK 2008 Bedarf anmeldete, zog die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung in einem überarbeiteten Stadtentwicklungsplan Industrie und Gewerbe 2011 nach. Es ist müßig, über die Beweiskraft solcher Bedarfszahlen zu streiten, aber für jeden ist wohl erkennbar, dass der Niedergang der Berliner Industrie nicht mit Flächenmangel begründet werden kann.

Bleiben die Flächen ungenutzt, wenn es keinen Bedarf gibt? Erfahrungsgemäß leider nein. Vielmehr werden die ausgewiesenen Bauflächen von weniger qualifizierter Nutzung belegt, wenn die höherwertige Nutzung nicht nachgefragt wird. Konkret: Speditionen, Abstellplätze, Lagerhallen usw. siedeln sich als „Zwischennutzung“ an, halten sich dann aber lange – und entfalten die genannten negativen Wirkungen auf Stadtklima, Naturschutz und Grundwasser.
Diesem fraglichen Bedarf steht die massive Beeinträchtigung von Natur und Umwelt gegenüber. Der Flächennutzungsplan prüfte nicht einmal im Ansatz, ob sich der Flächenbedarf an anderer Stelle ohne so große Umweltbeeinträchtigungen decken ließe. Das wäre eigentlich Inhalt einer echten Umweltprüfung.
Dies steht im völligen Gegensatz zu den frommen Worten der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung zum Umwelt- und Klimaschutz. So sucht man auch im Entwurf des Bebauungsplans für den Bereich südlich des Flugfeldes (12-50) vergeblich nach Festsetzungen, die die nötigen Klimaschneisen frei halten. Der Modellcharakter des Geländes als Forschungsstädte für Zukunftstechnologien wird zwar dauernd und vollmundig formuliert, aber nicht mal Standards für die besonders effektive Energieausnutzung, für besondere Wärmedämmung oder für regenerative Energieerzeugung lassen sich in diesem B-Plan finden.

Der BUND fordert deshalb:
•    das Flugfeld absolut freizuhalten
•    die gewerbliche Nutzung des bereits bebauten Bereichs bei Beibehaltung von DurchlĂĽftungs- und GrĂĽnschneisen
•    Neubauten bzw. umgebaute Bestandsgebäude mĂĽssen einem hohen Standard von Klima- und Umweltverträglichkeit entsprechen, so dass sich dieser Standort wirklich Modellstandort fĂĽr Zukunftstechnologien nennen kann
•    die behutsame Bebauung des an den Kurt-Schuhmacher-Platz heranreichenden Teiles des Flughafens
•    der Stummel der Stadtautobahn soll in eine StadtstraĂźe zur ErschlieĂźung dieses Bereiches umgewandelt werden.



Kontakt

Martin Schlegel

Referent fĂĽr Verkehrspolitik

Telefon:

(030) 78 79 00-17

E-Mail: mschlegel[at]BUND-Berlin.de

trifft sich wöchentlich donnerstags in der BUND-Landesgeschäftsstelle. Verkehrspolitisch Interessierte sind jederzeit willkommen.

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