BUND Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland


29. August 2016

Berlin baut… sich zu!

Hektische Wachstumspolitik und kleinteilige Stadtentwicklung zerstören „grüne“ Lebensqualität in Berlin – Übergeordnete und integrale Stadtentwicklung kommt nicht zum Einsatz

Info 18 / Berlin, 29. August 2016: Mit der Kampagne Immer.Grün fordert der BUND gemeinsam mit den Berliner Naturschutzverbänden und dem Landesverband Berlin der Gartenfreunde e.V. einen Erhalt der grünen Freiflächen. Diese grünen Bahnrandflächen, Gewässerufer und Grünanlagen, grünen Lernorte, Kleingärten, Friedhöfe und Landwirtschaftsflächen sind aufgrund ihrer hohen Bedeutung für die Erholung, das Stadtklima und den Natur- und Artenschutz elementar für die Lebensqualität in Berlin. Der Senat wirbt mit der „grünen Metropole“; ihr Mehrwert ist zwar unstrittig und es wurden in den letzten Jahren viele Programme und Pläne beschlossen um, den Erhalt dieser Flächen zu garantieren, jedoch - in der Praxis greifen diese nicht.

Während berlinweit die Debatte um die großen Bauvorhaben von Lichterfelde Süd bis Elisabethaue in Pankow, der Kolonie Oeynhausen in Wilmersdorf bis zum ehemaligen Rangierbahnhof in Köpenick geführt und dabei um viele unverbaute Hektar gerungen wird, werden unzählige kleinere und auch größere Grundstücke versiegelt. Jedes dieser Vorhaben wird für sich wie eine Briefmarke betrachtet, ohne dass die übergeordneten Belange wie Stadtklima, Erholung, Natur und Umwelt im Zusammenhang berücksichtigt werden.

Um einen Einblick zu vermitteln, wie sich die umgesetzten und kommenden Bautätigkeiten auf die Stadt auswirken werden und welche Probleme es bei der Sicherung der grünen Freiflächen gibt, hat die Arbeitsgruppe Immer.Grün ein exemplarisches Gebiet unter die Lupe genommen, an dem sich viele Fehlentwicklungen seit dem Mauerfall aufzeigen lassen. Dabei wird nicht jedes Bauvorhaben kritisiert, sondern es soll aufgezeigt werden, wie sich die Summe der Bautätigkeiten auf einen Stadtteil auswirkt. Das Lupengebiet umfasst den Ortsteil Alt-Treptow in Treptow-Köpenick und seine Umgebung und liegt überwiegend im sogenannten „Hundekopf“ - zwischen Spree, Landwehrkanal, Neuköllner Schifffahrtskanal und Treptower Park.

Während im südlichen, dem Neuköllner Teil der Lupenbetrachtung, die vereinzelten Baulücken geschlossen werden konnten, wurde und wird entlang des ehemaligen Mauerstreifens und auf den Bahnrandflächen fleißig gebaut, auch zwischen den einzelnen Wohnblöcken wird nachverdichtet. Die vielfältigen und fußläufig erreichbaren Kleingartenanlagen nördlich der Kiefholzstraße sind ungesichert: Sie wurden bereits für die Trasse der A100 aufgelöst oder sollen auf absehbare Zeit verloren gehen. Von den 20 größeren und kleineren Kleingartenanlagen in dem Gebiet ist nur eine direkt durch den Flächennutzungsplan gesichert.

Das Gebiet gilt aktuell mit öffentlichen wohnungsnahen Grünanlagen als „schlecht“ oder gar „nicht versorgt“. Der Anteil an privaten bzw. halböffentlichen Freiräumen wird mit „gering“ bis „mittel“ bewertet. Der Verlust der Kleingartenanlagen und weiterer grünen Freiflächen wird dazu führen, dass sich der Nutzungsdruck auf die Grünanlagen im Treptower Park, Schlesischem Busch, Görlitzer Park und den Ufern entlang des Landwehrkanals und der Spree  verstärken wird. Bereits jetzt sind diese stark übernutzt, auf vielen Rasenflächen wächst zum Sommeranfang kein Halm mehr. Die Folgen werden höhere Pflegekosten und ein Verlust an Freizeit- und Erholungsmöglichkeiten sein. Auch die Lebensräume für Vögel und Säugetiere in diesen Grünanlagen werden gravierend abnehmen - eine Verarmung der Stadtnatur zeichnet sich ab.


Auch wenn das Gebiet mit der Nähe zur Spree und dem Treptower Park klimatisch viele Vorteile gegenüber anderen Kiezen hat, zeichnen sich jetzt erhebliche Probleme ab. In den Planungshinweisen für das Stadtklima wird das Gebiet größtenteils als „weniger günstig“ bis „ungünstig“ beurteilt. Als für das Stadtklima günstig beurteilte Flächen sind nur noch in der Nähe der Grünanlagen zu finden und werden aktuell ganz oder teilweise bebaut. Der Verlust von grünen Freiflächen verhindert die Entstehung von Kaltluft. Der Lückenschluss mit Baukörpern verhindert den Frischluftaustausch. Bis 2070 wird für die Wohngebiete südlich der Kiefholzstraße eine Verdoppelung der Tropennächte prognostiziert. In dieser Vorhersage sind zukünftige Bauvorhaben noch nicht berücksichtigt. Fatal ist, dass diese davon ausgeht, dass der Bestand an grünen Freiflächen so erhalten bleibt, wie er jetzt ist.

Die in mehreren Programmen als wichtig beschriebenen, Biotopverbindungen werden unterbrochen, die verbleibenden Reste stark verdünnt. Damit Tiere und Pflanzen in der Stadt gesund überleben können, brauchen sie Korridore für den Austausch der Populationen. Vor allem wenn ihre Lebensräume schrumpfen, müssen sie sich ihre Nischen suchen können. Doch diese bedeutenden Flächen, auf welche Tiere und Pflanzen ausweichen könnten, nehmen bedrohlich ab. Die entsprechenden Gutachten betrachten immer nur den Ist-Zustand. Wird eine Ersatzfläche gefunden, ist es oft nur eine Frage der Zeit, bis auch diese „unter den Kran“ kommt.

Welche Entwicklungen das Gebiet noch nehmen wird, lässt sich schwer absehen. Viele der beschriebenen Folgen waren vorhersehbar. Im Flächennutzungsplan, im Landschafts- und Artenschutzprogramm im Stadtentwicklungsplan Klima (StEP Klima) waren Gegenmaßnahmen vorgesehen oder zumindest Problemstellungen angemahnt. Jedoch fanden diese keine oder nur geringe Berücksichtigung bei der Entwicklung des Gebietes. In einer kleinteiligen Stadtentwicklung à la kleine Briefmarke wird das zerstört, was große Pläne sichern sollten. Da diese sich in der Praxis als keine verlässliche und verbindliche Planungsgrundlage darstellen, zeichnet sich ein weiterer Verlust der grünen Freiflächen ab. Wenn in der „grünen Metropole“, der wachsenden Stadt Berlin ein Mindestmaß an Qualität für Erholung, Stadtklima und -natur erhalten bleiben soll, benötigt dies ein verlässliches und dauerhaftes Sicherungsprogramm für die grünen Freiflächen. www.berlin-immergruen.de

BUND-Hintergrundtext


Für Rückfragen:
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Christian Hönig, Fachreferent für Baumschutz: fon: (030) 78 79 00-58 o. 0179 - 0179 - 73 27 22 2


Quelle: http://www.bund-berlin.de/nc/bund_berlinde/presse/pressemitteilungen/detail/artikel/berlin-baut-sich-zu.html