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BUND Landesverband Berlin

„JE GRÖSSER UND JE ÄLTER, DESTO BESSER“

Im BUNDzeit-Interview: Bernd Machatzi vom Büro des Berliner Landesbeauftragten für Naturschutz und Landschaftspflege über grüne Inseln, Rote Listen und den Einbürgerungsprozess von neuen Arten

BUNDzeit: Wie darf ich mir als Laie die
Erstellung der Roten Listen vorstellen –
so ähnlich wie die jährliche Inventur im
Supermarkt? 

Bernd Machatzi: 

Damit hat das wenig zu tun. Es ist eine Bilanz, die
etwa alle zehn Jahre gezogen wird.Die Listen bzw. die 
Fortschreibung erstellen Fachleute auf ehrenamtlicher
Basis. Sie sind jeweils Experten für eine oder auch mehrere
Organismengruppen und werten Beobachtungen
und Daten über die jeweilige Artengruppe
aus, um für einen bestimmten Bezugsraum – in unserem
Fall Berlin – Veränderungen der Gefährdung und des
Artenbestandes bilanzieren zu können. Das sind Fachleute,
die sich mit Herzblut mit ihren Organismengruppen beschäftigen,
seien es Pilze, Pflanzen oder einzelne Tiergruppen, die manch
einer gar nicht kennt.  

Wo beobachten Sie die größten Verluste in
der Tier- und Pflanzenwelt? 

Bei den Arten der Moore. Die Moore sind ja die letzten
mehr oder weniger natürlichen Lebensräume in Berlin,
die relativ wenig vom Menschen überprägt worden sind.
Indirekt üben wir natürlich über den Lufteintrag und die
Grundwasserabsenkung einen mehr oder weniger starken
Einfluss aus. Dank der intensiven Erforschung des Stadtgebiets
wissen wir sehr gut, welche Arten früher in den
Berliner Mooren vorkamen. Sehr viel wissen wir über die
Farn- und Blütenpflanzen. Da gab es bezogen auf die
letzten 150 Jahre die verhältnismäßig größten Verluste.
Ich habe den Verlust an Pflanzenarten nach unterschiedlichen
Lebensräumen getrennt für den Grunewald ausgewertet.
Insgesamt sind im Grunewald in diesem Zeitraum
mehr als 130 Farn- und Blütenpflanzen verschwunden,
die ehemals dort nachgewiesen worden waren. Der Anteil
der Moorarten liegt mit rund 50 Arten am höchsten. Bei
einem großen Spektrum der wirbellosen Arten wissen
wir nicht, welche moortypischen Arten überhaupt noch
vorhanden sind, da hierzu nur sehr wenige aktuelle Erkenntnisse
vorliegen. Es ist anzunehmen, dass sie wie viele
moortypische seltene Pflanzenarten bereits verschwunden
sind. 

Berlin gilt als besonders artenreiche Stadt.
Woran liegt das? 

Im europäischen Vergleich ist Berlin tatsächlich besonders
grün. Es hat viele grüne Inseln, auch dank einer vorausschauenden
Stadtentwicklungspolitik. Stichwort Dauerwaldvertrag:
Damals hatte man viele Flächen außerhalb
der Stadtgrenzen aufgekauft, weil man realisiert hatte,
dass im Zuge der damals rasant wachsenden Stadt die
attraktiven Plätze in Wäldern und an Ufern mit Villen
verbaut und zersiedelt wurden. Dadurch verfügt die Stadt
über einen vergleichsweise hohen Waldanteil. Zudem haben
wir viele Gewässer und historische Friedhofsflächen und
viele kleine und größere Parkanlagen, die sich mosaikartig
über das ganze Stadtgebiet verteilen. Besonders wertvoll
sind Flächen mit einer gewissen Größe, wie das Tempelhofer
Feld oder die Lichterfelder Weidelandschaft. Je
größer, desto besser. Und je älter, desto besser. Innerhalb
der Stadt sind die Friedhöfe für den Erhalt der biologischen
Vielfalt vielfach noch wertvoller als die Parks, weil sie
anders bzw. weniger intensiv genutzt werden. Unsere über
tausend Hektar Friedhofsfläche zählen zum Tafelsilber
der wachsenden Stadt. 

Wie sieht es mit den Allerweltsarten aus,
zum Beispiel mit den Stadtvögeln? 

Nehmen wir den Haussperling als Beispiel. Der befindet
sich bundesweit im Rückgang, in Berlin geht es ihm noch
recht gut. Dank der vielen Futterquellen und Brutmöglichkeiten
in der Stadt hat der Bestand in den vergangenen
Jahren noch zugenommen. Auch anderen Allerweltsarten
geht es eher gut in Berlin. So haben die Stare erst vor
wenigen Jahren die S-Bahnhöfe der Innenstadt als Orte
mit gutem Futterangebot für sich entdeckt und überwintern
auch auf dem Alexanderplatz.
Schaut man in die Rote Liste der Brutvogelarten Berlins,
so findet man über 130 regelmäßig im Stadtgebiet brütende
Vogelarten, darunter auch eine nicht unerhebliche Zahl
von stark gefährdeten (zum Beispiel Steinschmätzer und
Bekassine) und vom Aussterben bedrohten Arten (zum
Beispiel Rotmilan, Dohle und Türkentaube), die weniger
gute Bedingungen im Stadtgebiet vorfinden. Das Rebhuhn
hat zuletzt 1996 in Berlin gebrütet und gilt inzwischen als
ausgestorben. 

Wie wirkt sich der Klimawandel auf die
Artenvielfalt aus? 

Viele mediterrane Arten, vor allem Wirbellose, kommen
in den Norden. Das sind vielfach Ubiquisten, also häufige
Arten. Wie sich das auswirkt, muss man noch beobachten.
Experten vermuten, dass spezialisierte Wildbienenarten
dadurch Konkurrenz und damit Schwierigkeiten bekommen
könnten. Die Ausbreitung verschiedener Heuschrecken
und Grillenarten, wie der Italienischen Schönschrecke, die
einst verschollen inzwischen in allen Bezirken zu finden ist
oder das aus dem Süden stammende Weinhähnchen, das
sich gerade in Berlin ausbreitet, stellen eine Bereicherung
der Biologischen Vielfalt dar. 

Sie berücksichtigen auch Neophyten und
Neozoen bei den Roten Listen und Gesamtartenlisten? 

Ja natürlich! Bei den Pflanzenarten hat sich die Zahl in
der Stadt von etwas mehr als 1400 auf über 1500 erhöht.
Das hat nicht nur mit der Einwanderung und Etablierung
von neuen Arten zu tun, sondern auch mit einem Erkenntnisgewinn
etwa über schwierig zu unterscheidende Sippen. 

Wie läuft der Einbürgerungsprozess?
Ab wann gilt eine Art als etabliert? 

Für Pflanzen ist das so definiert: Wenn sich eine Art im
Stadtgebiet über einen Zeitraum von 25 Jahren selbstständig
reproduziert, ist sie etabliert. Die Neozoen und
Neophyten sind nicht immer eine Bereicherung, da einzelne,
sich stark vermehrende Arten seltene und gefährdete
Arten beinträchtigen oder auch die Gesundheit der Menschen
beeinträchtigen können, Stichwort Ambrosia.
Vielfach können Neophyten aber auch eine Bereicherung
sein, so zum Beispiel die zahlreichen verwilderten im
zeitigen Frühjahr blühenden Zwiebelgewächse, die einen
besonders schönen Teil der Berliner Neophytenflora bilden. 

 

Das Gespräch führte Sebastian Petrich 

Zur Person

Bernd Machatzi
Jahrgang 1957, studierte Landschaftsplanung mit dem Abschluss als Dipl.-Ing. an der TU-Berlin und ist seit 1991 im Büro des Landesbeauftragten für Naturschutz und Landschaftspflege naturschutzfachlich beratend tätig; unter anderem ist er für die Fortschreibung der Roten Listen für gefährdete Pflanzen, Tiere und Pilze zuständig.

www.kurzlink.de/rote-listen-berlin 

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