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BUND Landesverband Berlin

NULL MÜLL

Um Ressourcen und Klima zu schonen, sollen Prozesse und Produkte künftig so gestaltet werden, dass praktisch nichts verbrannt oder deponiert werden muss.

Geht Ihnen auch das ewige Kaufen, Wegschmeißen, Neukaufen auf die Nerven? Dann gibt es eigentlich Grund zur Freude, denn das Prinzip Abfallvermeidung hat die Politik zumindest auf regionaler Ebene  erreicht. Im Koalitionsvertrag der rot-rot-grünen Berliner Landesregierung ziert der moderne Begriff „Zero Waste“ die Rubrik Abfallpolitik als Leitbild. Abgesehen von einer Kampagne für Mehrwegbecher beim Coffee-to-go (siehe S. 2) lassen konkrete Maßnahmen für weniger Abfall aber noch auf sich warten.

Zero Waste fängt beim Design an. Sparsam im Materialeinsatz und langlebig  weil reparierbar sollten die Dinge sein, die wir herstellen. Und natürlich sinnvoll. Braucht man es, sollte die Frage vor der Anschaffung lauten. Oder genauer:  Brauche ich es – oder reicht es, wenn ich es leihen kann? „Nutzen statt besitzen“ muss das Motto sein, das für Lastenfahrräder, Racletteöfen, Hochzeitskleider und Krocketschläger gilt, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Oder wenn schon kaufen, warum dann nicht gebraucht? Das ist auch eine Klimafrage, steckt doch jede Menge Kohlenstoff in Plastik und Co. in den Müllbergen, die großenteils durch Verbrennen abgebaut werden. Also sollten alle Güter so lange genutzt werden, bis es wirklich nicht mehr geht.

Dieser Punkt ist mit Sicherheit viel später erreicht, als man im Allgemeinen annimmt. Davon zeugen nicht nur die vielen grundsätzlich noch intakten Dinge, die aus Unwissenheit oder Faulheit in die Container auf den Recyclinghöfen geschmissen werden – sondern auch die hohe Erfolgsquote bei den viel zu selten unternommenen Reparaturversuchen. Im Schöneberger Repair Café, dessen Gastgeber der BUND einmal im Monat ist (siehe S. 3, Randspalte), liegt sie bei rund 70 Prozent. Hoffnungsvoll stimmt, dass sich immer mehr Menschen der Wegwerfgesellschaft verweigern. Welche Alternativen zur Ressourcenverschwendung in Berlin und Umgebung bestehen, steht auf dem vom BUND betriebenen Zero-Waste-Portal www.remap-berlin.de.

Vom Entsorgungsunternehmen zur Wiederverwendungszentrale

Vorbilder gibt es also genug. Das Problem ist aber, dass all jene Reparier- und Tauschinitiativen weitgehend von der Kraft ihrer ehrenamtlichen Unterstützer leben. Sie können nicht alleine die Müllströme in der Millionenstadt stoppen. Ein öffentlich finanzierter Fonds für diese Aktivitäten wäre schon einmal ein erster wichtiger Schritt. Aber auch der Senat muss aktiv werden. Etwa indem er, wie im Koalitionsvertrag versprochen, ein Kaufhaus für Gebrauchtwaren möglich macht. Nur die öffentliche Hand hat Zugriff auf die Unmengen gut erhaltener Dinge, die auf den Recyclinghöfen der Berliner Stadtreinigung (BSR) landen. Statt einfach nur entsorgend tätig zu werden, wenn Dinge von ihren Vorbesitzern zu Abfall erklärt werden, müsste die BSR entscheiden, was wiederverwendet werden kann.

Für eine Wandlung zur Wiederverwendungszentrale braucht das landeseigene Entsorgungsunternehmen verbindliche Vorgaben – und die nötige finanzielle Ausstattung. Ganz einfach wird dieser Kurswechsel nicht, vor allem wenn man bedenkt, dass Berlin vergleichsweise einfache Aufgaben nicht ordentlich löst. Zum Beispiel die getrennte Sammlung des Bioabfalls: Pro Jahr wandern in Berlin 360.000 Tonnen organische Abfälle in die Verbrennung. Das sind 44 Prozent des Restmülls! Das liegt nicht nur an der mangelnden Abfallkompetenz vieler Menschen – hier kann und muss die Aufklärung besser werden! –, sondern schlicht daran, dass die Biotonne noch nicht flächendeckend eingeführt wurde. Innerhalb des S-Bahnrings fehlt die braune Tonne bei 20 Prozent der Haushalte, außerhalb bei 79 Prozent. Bundesweit ist sie schon seit 2015 Pflicht.

Gerade Lebensmittelabfälle sind aufgrund ihres hohen Wassergehalts für den  Ofen ungeeignet. Anderswo wären sie viel sinnvoller eingesetzt, nämlich in der Biogasanlage. Seit 2013 betreibt die BSR eine Biogasanlage, die jährlich 60.000 Tonnen Bioabfall durch Vergärung in Kraftstoff umwandelt. Mit diesem Gas fährt nun ein Teil der BSR-Flotte klimaneutral. Doch obwohl diese Anlage längst ausgelastet ist und ein geeignetes Grundstück in Marzahn sich schon im Firmenbesitz befindet, weigert sich die BSR, mit dem Bau einer zweiten Biogasanlage zu beginnen. Begründung: Das lohne sich erst, wenn genügend Biomüll zu Verfügung steht. Eine ziemlich verquere Logik. Der Bioabfall ist schon längst da, er muss nur gesondert gesammelt werden. Die Mehrkosten für Sammlung und Verwertung, die zwecks Lenkungswirkung am besten auf die Restmülltonne umgelegt werden sollten, bewegen sich im einstelligen Eurobereich pro Jahr und Haushalt. Was sich Berlin dagegen nicht leisten kann, ist die Verbrennung von Rohstoffen – ob sie nun in Essensresten oder in Sofagarnituren stecken. 

Autor: Sebastian Petrich

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