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BUND Landesverband Berlin

EIN BISSCHEN WILDNIS UND VIEL ÖDNIS

Biber und Wolf sind zurück, was für viele Menschen schon zu viel Natur ist. Unterdessen geht das Sterben anderer, weniger spektakulärer Arten unvermindert weiter.

Sonntag, 18. März 2018 an einer Brücke im Oderbruch: Angler vertreiben ein Uhuweibchen aus seinem Nest. Stundenlang traut sich der Vogel nicht zurück, während seine Eier bei Minusgraden ungeschützt im Nest liegen. Ob die Angler den Uhu aus Unachtsamkeit oder mit Absicht vertrieben, ist unklar. Eindeutig sind dagegen die Konsequenzen: Aus diesen Eiern schlüpfen keine jungen Uhus mehr. Bei dieser extrem seltenen Eulenart, von der weniger als zehn Brutpaare in Brandenburg leben, kann der Verlust einiger weniger Tiere die regionale Population erheblich beeinträchtigen. Der BUND, der durch Augenzeugen von dem Vorfall erfuhr, hat deswegen Strafanzeige gegen Unbekannt gestellt.

Nun müssen sich die Strafverfolgungsbehörden mit Menschen befassen, die die Reproduktion streng geschützter Greifvögel stören. Einerseits irritiert, dass so etwas nötig ist. Andererseits ist dies eine vergleichsweise einfache Übung im Artenschutz. Ob fünf Adler oder zehn Uhus: Dank klarer Gesetze und einer regen ornithologischen Community lassen sich die Tiere kleiner Populationen einigermaßen schützen, gewissermaßen in Einzelbetreuung. Wie aber können wir Artenvielfalt in ihrer Breite erhalten?

Abseits der geschützten Gebiete sieht es nicht gut aus. Die Flora-und-Fauna-Habitat-Richtlinie der EU (kurz FFH-Richtlinie) nennt europaweit 195 besonders zu schützende Pflanzen- und Tierarten, von denen 79 in Brandenburg vorkommen. Und da regelmäßig über den Zustand der Arten nach Brüssel berichtet werden muss, ist amtlich, dass der Erhaltungszustand von gerade einmal 15 von 79 Arten günstig ist, für 54 Arten aber ungünstig. Drei Arten sind kürzlich ausgestorben: der Feldhamster, das fleischfressende Sonnentaugewächs Wasserfalle und die Vogel-Azurjungfer, eine Libelle. Der letzte Bericht zum Zustand der Arten nennt auch die Gründe. Von denen gibt es mehrere, aber fast alle gefährdeten Arten leiden am stärksten unter der intensiven Landwirtschaft, die Brandenburg dominiert.

Auch eine Frage der Gerechtigkeit

Bringt das Tun des Menschen den Arten nur Ärger? Keineswegs. Bevor sich die industrialisierte Landwirtschaft durchsetzte, war die Mark Brandenburg wie die meisten extensiv bewirtschafteten Kulturlandschaften durchaus artenreich. Und viele Arten in Berlin profitieren von urbanen Umständen, von Gemäuern, abwechslungsreicher Struktur und Wärme. Wildnis allein ist kein Rettungsprogramm für die Artenvielfalt. Legte man ein Maisfeld, das für artenarme Landwirtschaft schlechthin steht, einfach still, so würde mit der Zeit ein Wäldchen auf dem bisherigen Acker wachsen. Unzählige Arten sind aber auf offene Landschaft angewiesen. Wer soll Wiesen vor der in unseren Breiten unvermeidlichen Gehölzsukzession freihalten? Neben behutsamer Mahd bietet sich dafür die gute alte Weidetierhaltung an.Dass extensive, maßvolle Beweidung Landschaften offenhält und dabei abwechslungsreiche Mosaikstrukturen schafft, haben diverse Naturschutzprojekte nachgewiesen, am eindrucksvollsten wohl die Lichterfelder Weidelandschaft in Berlin, wenn auch mit einem speziellen Ansatz. Worauf jetzt noch warten? Es ist auch eine Frage der globalen Gerechtigkeit, die Tierhaltung umzuorganisieren. Statt die Tiere fast ausschließlich im Stall zu halten und ihr Futter aus Südamerika zu beziehen, wo Sojaplantagen die höchst artenreichen Regenwälder plattmachen, sollten wir in Mitteleuropa wieder die Viehzucht auf Grünland etablieren. Die dafür nötigen Flächen muss der Maisanbau abgeben. Denn die Maismonokultur landet entweder in Biogasanlagen, deren Klimanutzen überschaubar ist, wenn man den Energieeinsatz beim Düngen, Ernten und Weitertransport berücksichtigt. Oder in den Mägen von Masttieren, deren Fleisch hoch subventioniert ins Ausland geht, während die Umweltschäden hier bleiben.Weidetierhaltung kostet Geld, und besonders viel lässt sich momentan damit nicht erwirtschaften. Deshalb sinkt Jahr für Jahr die Zahl der in Deutschland gehaltenen Schafe. Nicht etwa der Wolf, sondern eine ungerechte Landwirtschaftspolitik macht der professionellen Schäferei das Leben schwer. Obwohl der zurückgekehrte Beutegreifer tatsächlich eine Herausforderung ist, denn selbstverständlich fressen Wölfe Schafe und Kälber. Wenn sie sie bekommen. Um das zu verhindern, müssen die Tierhalter Zäune und Hütehunde anschaffen, was zunächst einmal Ausgaben bedeutet. Aber wäre es nicht sinnvoll, diese vielfaltfördernde Betriebsform zu unterstützen – anstatt Milliardensubventionen an diejenigen auszuschütten, die Insekten mit Neonicotinoiden vergiften, Wildkräuter mit Glyphosat ausrotten und viel mehr Gülle auf die Felder kippen, als Boden, Wasser und Luft vertragen? Aus Sicht der Artenvielfalt ist die Sache klar. 

Autor: Sebastian Petrich

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