BUND Landesverband Berlin
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Die Neunzigerjahre: Aufbruchsstimmung im Osten, Professionalisierung im Westen

19. Februar 2021 | Abfall, Autoverkehr, Bäume, BUNDzeit-Artikel, Fahrrad, fair Handeln, Flugverkehr, Fußverkehr, Gesellschaft, Immer.Grün, Jubiläum, Klimaschutz, Lebensmittel, Luft, Nachhaltigkeit, ÖPNV, Stadtentwicklung, Stadtnatur, Umweltgerechtigkeit, Wasser, Zu Fuß zur Schule

Mit der Wende ergaben sich in Brandenburg ungeahnte Möglichkeiten für den Naturschutz. In Berlin wuchs der BUND derweil zu einem schlagkräftigen Lobbyverband.

1998: Mehr als 134.000 Menschen unterschreiben die Volksinitiative gegen den Transrapid zwischen Berlin und Hamburg

Frühjahr 1989: Während in der DDR die Proteste gegen die allzu dreist gefälschten Kommunalwahlen das Ende der SED-Herrschaft einleiteten, bewegte sich die Westberliner Umweltbewegung auf der steinigen Ebene der Realpolitik. Wie viel Umweltschutz geht mit der SPD? Und hat die AL eine Strategie, wie sie in der rot-grünen Koalition agieren will? Nun, einige Projekte des vorigen Senats stoppte Rot-Grün, etwa die Westtangente oder die Müllverbrennungsanlage in Britz. Und mit Tempo 100 auf der Avus und Busspuren setzte der neue Senat sinnvolle, vom BUND auf die Agenda gebrachte verkehrspolitische Akzente.

Obwohl der Westberliner BUND schon vor dem 9. November 1989 in Kontakt mit Umweltgruppen in der DDR stand, wurde auch er – wie fast alle im Westen – vom Mauerfall überrascht. Genau einen Monat später kam es zur ersten gemeinsamen Aktion mit Ost-Umweltgruppen; an verschiedenen Grenzübergängen und vor Fast-Food-Restaurants warnten die Aktiven: „Fleischkonsum zerstört den Regenwald!“

Im Gegensatz zu anderen Vereinen oder gar zu Parteien wie CDU und FDP, die sich 1990 jeweils zwei Blockparteien einverleibten, setzte der BUND nicht auf schnelle Expansion im Osten. Umweltgruppen in den neuen Ländern sollten Unterstützung bekommen, in ein neues Korsett zwingen wollte man sie aber nicht. So gründete sich erst im März 1991 als jüngster BUND-Landesverband der BUND Brandenburg. Mit den Beiträgen der 57 Gründungsmitglieder allein konnte nicht allzu viel finanziell bewegt werden, doch glücklicherweise gab es neben Geld vom BUND-Bundesverband staatliche Zuschüsse; von den 493.000 D-Mark im Haushalt 1991 kamen 300.000 vom Potsdamer Umweltministerium. Viel wichtiger aber war die Aufbruchsstimmung, endlich schien der Naturschutz eine wirklich wichtige Rolle zu spielen.

Noch in den letzten DDRTagen hatte die erstmals frei gewählte Volkskammer große Flächen unter Schutz gestellt und mit dem Nationalpark Unteres Odertal kam 1995 ein weiterer wichtiger Mosaikstein dazu. Außerdem stattete Brandenburg die Naturschutzverbände mit im Ländervergleich weitreichenden Beteiligungsmöglichkeiten aus. Und nicht zuletzt amtierte mit Matthias Platzeck nun ein Umweltminister in Potsdam, der selbst aus der Ökoszene kam. Was sollte da noch schieflaufen?

Frohen Mutes machten sich 20 neue BUND-Ortsgruppen in ganz Brandenburg an die Arbeit, unterstützt von einer Geschäftsstelle in Frankfurt und Regionalbüros in Eberswalde, Potsdam und Guben. Vorwiegend um praktische Naturschutzprojekte kümmerten sich die Ehrenamtlichen der Neunzigerjahre – und um Umweltbildung. So übernahm der BUND 1992 das ehemalige Erholungsheim Schlaubemühle bei Eisenhüttenstadt und nutzte es fortan, um vor allem Kinderund Jugendgruppen an Naturschutzthemen heranzuführen.

Auch in Berlin vervielfachten sich die BUND-Aktivitäten, wie eine Bestandsaufnahme aus dem Jahr 1993 zeigte, als täglich rund 100 Anrufe von Bürger*innen, Behördenvertreter*innen und Medienleuten den BUND erreichten. Die Themen dieser Zeit: Potsdamer-Platz-Bebauung, Großflughafen, A-100-Verlängerung nach Neukölln, schlechte Luft, Olympia-Bewerbung. 1995 dann der Schock: Die Loveparade wechselte vom Kudamm auf die Straße des 17. Juni und verwandelte den Tiergarten in eine Müllhalde. Im Folgejahr versuchte der BUND, die als Demo getarnte Party gerichtlich zu verhindern. Das funktionierte nicht, rief aber ein bislang ungekanntes Medienecho hervor. Seither findet keine Großveranstaltung mehr ohne Mülldiskussion statt. Etwas weniger schlagzeilenträchtig, in der Folge aber ebenso wichtig war ein Erfolg des Jahres 1999, als der BUND den schwarz-roten Senat überzeugen konnte, keinen Atomstrom für öffentliche Gebäude mehr zu beziehen.

Zwei naturzerstörende Verkehrsvorhaben machten zu Beginn der Neunzigerjahre klar, dass nun überregional agiert werden musste: Die Pläne des Bundesverkehrsministeriums, die Havel samt Nebengewässern für riesige Containerschiffe auszubaggern, für die es bei realistischer Betrachtung überhaupt keinen Bedarf gab, sollten den BUND in Berlin und Brandenburg noch bis in die Zehnerjahre beschäftigen. Nicht ganz so lang dauerte es beim Transrapid, dessen Bau zwischen Berlin und Hamburg viel Natur zerstört und eine vernünftige Bahnverbindung blockiert hätte. Mit einer Volksinitiative (135.000 Unterschriften) 1998 und einer Beschwerde bei der EU-Kommission 1999 machte der BUND Druck auf Bundesregierung und Bahn. Der wirkte: Im Februar 2000 schoben Bundeskanzler Schröder und Bahnchef Mehdorn den Transrapid aufs Abstellgleis.

Fortsetzung: Die Nullerjahre: Der Staat wird es nicht richten

Dieser Artikel erschien in der BUNDzeit 2021-1. Mehr zum Schwerpunktthema „30 + 40 Jahre BUND in Brandenburg und Berlin“:

BUND-Chronik 1980–2021

Die Achtzigerjahre: Frischluftschneisen statt Lärmkorridore

Die Zehnerjahr: Unterschriftenmarathon und juristische Finesse

BUND-Jubiläum: Was die anderen sagen

30 + 40: BUND in Zahlen

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