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BUND Landesverband Berlin

„Man kann nicht alle einbinden, die behaupten, die Erde sei eine Scheibe"

10. Februar 2020 | BUNDzeit-Artikel, Populismus

Katja Berlin über die Diskussionskultur im Netz, das Gerede von Verboten und die aufklärerische Kraft von Infografiken

Katja Berlin ist Autorin und Kolumnistin. Nach ihrem Studium der Politik- und Medienwissenschaften hat sie bei Verbänden gearbeitet, bis sie 2010 ein Blog mit lustigen Infografiken startete. Sie hat insgesamt 14 Bücher geschrieben, darunter Bestseller wie „Was wir tun, wenn der Aufzug nicht kommt“ und „Was wir tun, wenn es an der Haustür klingelt“. In ihrer wöchentlichen Grafikkolumne „Torte der Wahrheit“ in der ZEIT kommentiert sie das politische Zeitgeschehen. Außerdem schreibt sie eine Berlinkolumne für die Berliner Zeitung. Foto: Lotte Ostermann

BUNDzeit: Was sind „Torten der Wahrheit“?

Katja Berlin: Meine Infografiken geben gefühlte Wahrheiten wieder. Ihre Form ist scheinbar objektiv, neutral, wissenschaftlich. Sie haben eine hohe Glaubwürdigkeit, so dass ich oft gefragt werde, woher ich meine Daten habe. Aber die Torten sind total subjektiv, nämlich mein Kommentar. Ich schaue, wo es Widersprüche in der öffentlichen Meinung gibt, die aller Grundlagen entbehren, und stelle das satirisch dar. Ein Beispiel: Wenn Politiker*innen darüber reden, Leben zu schützen, dann wollen sie Schwangerschaftsabbrüche verbieten. „Leben schützen“ sagen sie aber nicht, wenn es um Pflegenotstand oder um Seenotrettung geht. Solche Heuchelei verarbeite ich dann zu Humor.

Wo finden Sie diese Meinungen, die durch die Gesellschaft wabern?

Im tiefsten Sumpf des Internets. Zum Beispiel in den Leserforen von konservativ-rechten Medien wie FAZ, Welt und Neue Zürcher Zeitung, was die verschärfte Version des Stammtischgeredes ist. Viele dieser Meinungen widerlege ich mit meinen satirischen Infografiken oder ich stelle sie bloß.

Gibt es beim „alten weißen Mann im Internet“ bestimmte Einstellung immer nur im Gesamtpaket? Oder warum sind so viele Trolle gleichzeitig „Asylgegner“, „Frauenskeptiker“ und „Klimaleugner“?

Frauenskeptiker? Frauenhasser würde ich eher sagen. Ja, es gibt Untersuchungen, die das belegen. Ich glaube, dass mit dem feministischen Kampf und der zunehmenden Gleichberechtigung, die aber immer noch nicht erreicht ist, ein Rumoren aufkam, das sich später in der AfD äußerte. Es geht um gefühlten Privilegienverlust. Alle, die nicht weiß, heterosexuell und männlich sind, aber gleiche Rechte einfordern, werden als Bedrohung wahrgenommen. Die Hater haben ein geschlossenes, aber ziemlich widersprüchliches Weltbild. So gerieren sie sich nur dann als Frauenrechtler, wenn es gegen Kopftücher geht. Im Gegensatz zu den Linken, bei denen es dauernd Diskussionen und Konflikte gibt, zeigen sich die Rechten sehr geschlossen, untereinander wird nicht diskutiert.

Wenn in diesen Foren nicht diskutiert wird, was dann?

Sie bestätigen sich gegenseitig. Seit Jahren fallen dort die gleichen Phrasen, etwa „Danke, Merkel“. Die sind nicht witzig oder kreativ. Es geht nur um Abwehr und Bekräftigung von Meinungen und Vorurteilen.

Und in welchen Situationen hilft Ironie?

Immer! Wobei Ironie nicht immer verstanden wird, sagen wir also besser Humor. Humor hilft in allen Lebenslagen, nicht nur in politischen Debatten. Wenn man einen Witz über etwas – oder am besten über sich selbst – macht, nimmt man Distanz ein.

Gerade in der Umweltpolitik hat man es oft mit Stereotypen zu tun. Nehmen wir zum Beispiel die Krankenschwester, die Konservative und Liberale gerne hervorholen, wenn sie gegen Verbote oder vermeintliche Verbote argumentieren wollen. Etwa so: „Wenn das Autofahren oder das Parken eingeschränkt wird, leidet vor allem die Krankenschwester darunter, weil sie dann nicht mehr zur Arbeit beziehungsweise zur Nachtschicht fahren kann.“

Das ist ein schöner Fall, weil man sieht, wie die Arbeiterschicht die Konservativen und Liberalen erst dann interessiert, wenn sie sich für ihre Anliegen einspannen lässt. Wer sind eigentlich die Verbotsparteien? Das sind doch die Konservativen. Aber sie werfen der Gegenseite genau das vor, was sie selbst machen. Und damit sind die links der Mitte in der Position, sich mit „Wir wollen gar nicht verbieten“ zu rechtfertigen – und schon sind Verbote in den Köpfen drin. Man könnte auch darüber diskutieren, wie der Autoverkehr uns finanziell, gesundheitlich und ökologisch schadet. Aber sofort wird das Thema auf Tempolimit und andere Verbote reduziert.

Obwohl wir bei fast allem, was umweltschädlich ist, meilenweit von Verboten entfernt sind, heißt es oft „Man wird ja wohl noch mal …“

Dem könnte man entgegnen: „Man wird ja wohl noch mal abtreiben dürfen“ oder „Man wird ja wohl sonntags noch mal Rasen mähen dürfen“. Vielleicht sollten wir nicht von Verboten, sondern lieber von Gesetzen und Regeln sprechen, denn letztlich bestimmen diese das Zusammenleben in unserer Gesellschaft. Außerdem will niemand wirklich das Schnitzel verbieten.

Ob Autofahren oder Kohleausstieg: Die Parteien der Mitte hecheln oft den vielzitierten „Ängsten und Sorgen der Menschen“ hinterher, um die Wahl der Rechtsextremen zu verhindern. Ist die Angst vor Stimmentzug berechtigt?

Tatsächlich sind die Rechten wesentlich lauter als die anderen, so dass viele denken, die Debatten in Kommentarspalten und Foren spiegelten die realen Mehrheitsverhältnisse wider. Untersuchungen zeigen, dass Rechte häufiger kommentieren. Die meisten Menschen, die viel eher die Mitte repräsentieren, äußern sich aber gar nicht. Deshalb sage ich: lieber selbst die Themen setzen! Dabei kann man nicht immer alle einbinden. Wenn man über die Zukunft der Erde redet, kann man nicht auch mit allen reden, die behaupten, die Erde sei eine Scheibe.

Das Interview führte Sebastian Petrich. Es erschien in der BUNDzeit 2020/1. Weitere aktuelle Beiträge zum Schwerpunktthema Populismus:

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