BUND Landesverband Berlin

Nightjet statt Easyjet

05. November 2020 | BUNDzeit-Artikel, Flugverkehr, Klimaschutz

Mindestens ein Drittel der am BER startenden Flüge ließe sich sofort auf die Bahn verlegen, ohne dass sich die Reisezeiten dramatisch verlängern. Und mit einer Renaissance des europäischen Nachtzugsystems ginge noch wesentlich mehr.

Dauer der Zugverbindung zu Städten, die vom BER aus angeflogen werden. Grün: bis zu fünf Stunden. Orange: über fünf Stunden. Schwarze Schrift: Nachtzug, teilweise mit maximal einem Zubringerzug (Stand: Oktober 2020)

Vier bis fünf Stunden gilt bei den meisten Menschen, die nicht gerade Bahnfans sind, als noch erträgliche Reisezeit im Zug. Das ist gleichzeitig auch die Dauer, die für einen Kurzstreckenflug realistischerweise kalkuliert werden muss, wenn nicht nur die reine Flugzeit, sondern auch das Zum-Flughafen-Fahren, Einchecken, Warten, Einsteigen, Aussteigen, wieder Warten (aufs Gepäck) und schließlich die Weiterfahrt zum eigentlichen Ziel berücksichtigt werden. Diese Flüge könnten also ohne großen Zeitverlust auf die Schiene verlagert werden.

In seinem Luftverkehrskonzept für Berlin-Brandenburg hat der BUND ausgerechnet, dass jährlich rund 50.000 Kurzstreckenflüge von und nach Berlin-Brandenburg auf die Schiene verlagert werden könnten und dies mit Reisezeiten von Innenstadt zu Innenstadt von bis zu vier Stunden. 50.000 Kurzstreckenflüge weniger würden den Treibhausgasausstoß um 630.000 Tonnen CO2-Äquivalente senken.

Ein Blick in den durch die Corona-Krise geschrumpften Flugplan von Herbst 2020 zeigt, dass Kurzstrecken einen erheblichen Anteil am Berlin-Brandenburger Fluggeschehen haben: An einem Montag im Oktober kurz vor der BER-Eröffnung starteten von den beiden Altflughäfen TXL und SFX 120 Flüge. 37 von ihnen hoben zu einem innerdeutschen Ziel ab. Von den sechs angeflogenen Inlandszielen waren vier in einer Reisezeit von vier bis fünf Stunden mit der Bahn zu erreichen, nur nach Stuttgart und Saarbrücken braucht die Bahn mit ihrer schnellsten Verbindung sechseinviertel beziehungsweise sechseinhalb Stunden.

Weitere 29 Flüge an besagtem Oktobertag starteten zu europäischen Städten, die sechs (Warschau, Amsterdam) bis achteinhalb (Paris, Wien) Zugstunden vom Berliner Hauptbahnhof entfernt sind. Sogar nach London (fünf Flüge) ist man per Bahn nur knapp zehn Stunden unterwegs, inklusive anderthalb Stunden Umsteigezeit in Köln.
Wer nicht den ganzen Tag im Zug verbringen will, sollte über eine Nachtzugfahrt nachdenken. Obwohl vom einstigen europäischen Nachtzugsystem nur noch ein trauriger Rest geblieben ist, sind von Berlin aus immer noch Basel, Zürich, Warschau, Wien, Budapest, Minsk und Moskau direkt zu erreichen. Dank der schnellen Verbindung nach München kommen auch die dort startenden Nachtzüge nach Italien in Betracht: Abfahrt in Berlin am späten Nachmittag, Ankunft in Venedig zur besten Frühstückszeit.

2016 gab die DB ihre Nachtzuglinien auf und teilweise an die ÖBB ab. Seither zeigt das österreichische Staatsunternehmen, dass sich mit Nachtzügen durchaus eine „schwarze Null“ erwirtschaften lässt: Die 26 Nightjet-Linien tragen rund 16 Prozent zum Umsatz der ÖBB bei. Weil die Nachfrage wächst, erweitern die ÖBB ihr Nachtnetz und haben neue Schlafwagen bestellt, die ab 2022 durch Europa rollen.

Ab Sommer 2021 soll es wieder Nachtzugverbindungen von Berlin nach Kopenhagen, Malmö und Stockholm geben, betrieben von dem schwedischen Unternehmen Snelltaget. Dass auch Private Nachtzug können, hatte Thello mit dem täglichen Nachtzug zwischen Paris und Venedig über Dijon, Mailand und Verona gezeigt, der allerdings aufgrund der Pandemie einstweilen pausieren muss.

Übersicht über die europäischen Nachtzugverbindungen: www.night-trains.com

Dieser Artikel erschien in der BUNDzeit 20-4. Mehr zum Thema Fliegen:

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