BUND Landesverband Berlin

Fossil Business As Usual

06. November 2022 | BUNDzeit-Artikel, Klimaschutz

Die Brandenburger Landesregierung setzt ungeachtet der aktuellen Situation grundsätzlich weiter auf Erdgas. Weil Gas derzeit aber knapp ist, will sie wieder mehr Braunkohle verheizen lassen. Das macht die Stromversorgung nicht nur klimaschädlicher, sondern auch teurer und unsicherer.

Beim Klimaschutz schaut Brandenburg in die Röhre: Neue Gas-Infrastruktur südlich von Berlin. Foto: Sebastian Petrich

Ende August beschloss die rot-schwarz-grüne Landesregierung in Potsdam ein Papier mit dem Titel „Energiestrategie 2040“. Bei genauer Lektüre drängt sich aber der Eindruck auf, dass es sich um einen etwas in die Jahre gekommenen Text handelt. Ganz zu Beginn erwähnen die Autor*innen aus dem Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Energie zwar pflichtschuldig den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine, schreiben aber nichts zu seinen Konsequenzen für den Energiemarkt. Stattdessen fossil business as usual. So heißt es etwa auf Seite 20: „Zum Ausgleich der fluktuierenden Einspeisung aus erneuerbaren Energien bedarf es einer ausreichenden Kapazität an regelbaren und schnell verfügbaren Kraftwerken. Hierzu können Gaskraftwerke dienen, die in Kombination mit Kraft-Wärme-Kopplung hocheffizient betrieben werden können.“

Woher das Gas für diese Kraftwerke kommen soll, beantwortet die „Energiestrategie“ nicht. Ganz zu schweigen von der Frage, was gewonnen ist, wenn der eine fossile Energieträger durch einen anderen ersetzt wird. Dabei hat der vergangene Sommer mit Hitzewellen, Wasserknappheit, Dürre und Waldbränden angedeutet, zu welchen Problemen die globale Erhitzung in unseren Breiten führen wird. Wie wirkungsmächtig das fossile Denken immer noch ist, zeigen die Beschäftigungszahlen der Brandenburger Energiebranche, mit denen die „Energiestrategie 2040“ operiert. Diese stammen noch von 2018 und suggerieren arbeitsmarktpolitische Probleme im Zuge des Kohleausstiegs; dabei ist der Fachkräftemangel schon längst auch in der Lausitz angekommen.

In der aktuellen Energiekrise setzt die Landesregierung unter Dietmar Woidke (SPD) auf ein Revival der Braunkohle. Die 2018 und 2019 stillgelegten Blöcke F und E des Kraftwerks Jänschwalde gingen Anfang Oktober wieder in Betrieb – mit einer Ausnahmegenehmigung des Brandenburger Landesamts für Umwelt. Die ist nötig, weil beide Blöcke mehr giftige Abgase (Quecksilber, Schwefel, Stickoxid) ausstoßen, als die Immissionsschutzverordnung erlaubt.

Diese Wiederinbetriebnahme ist in mehrfacher Hinsicht höchst problematisch. Zum einen benötigen die beiden Kraftwerksblöcke sehr viel Kühlwasser, nämlich rund 25 Millionen Kubikmeter im Jahr. Davon verdampft rund 20 Prozent. Dieses Wasser fehlt dem regionalen Wasserhaushalt – ganz gleich, ob es aus dem benachbarten Tagebau abgepumpt oder direkt der Spree entnommen wird.

Zum anderen sind Braunkohlekraftwerke wie Jänschwalde nicht in der Lage, die für Spitzenlast konzipierten Gaskraftwerke zu ersetzen. Als ständig laufende Grundlastproduzenten sind sehr wenig flexibel. Wenn eine Überlastung der Netze bzw. ein Blackout wegen Überproduktion droht, müssen nun andere Stromproduzenten abgeregelt werden: Photovoltaik, Windkraftanlagen, kleine städtische Kraftwerke, Biogasanlagen. Dies führt zu der bizarren Situation, dass Biogas ungenutzt abgefackelt werden muss, weil die lokalen Speicher voll sind. Allein im ersten Halbjahr 2022 wurden nach Angaben der Bundesnetzagentur bundesweit 77 Millionen Kilowattstunden Biogas abgeregelt. Das hätte rein rechnerisch für die Versorgung von 50.000 Haushalten mit Strom gereicht. Die Kosten für die abgeregelte Energie müssen die Endverbraucher*innen über ihre Stromrechnung übernehmen. Unklar ist bis heute, wie viel Strom die Gaskraftwerke in der Region geliefert haben und wie groß nun die Lücke ist. Fehlen wirklich 1000 Megawatt, die die beiden reaktivierten Jänschwalde-Blöcke leisten? Klar ist dagegen, dass beide Blöcke zusammen rund zehn Millionen Tonnen CO2 pro Jahr ausstoßen – und dass sie die Erneuerbaren ausbremsen.

Dieser Artikel erschien in der BUNDzeit 2022-4.

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