Bild: Berlin bei Nacht, ESA/NASA-M.Maurer; CC BY-NC-SA 2.0
Die Lichtglocke über Berlin ist je nach Witterung noch bis zum knapp 100 km entfernten Stechlinsee sichtbar. Verantwortlich dafür ist künstliches Licht von Straßenlaternen, Strahlern an Gebäuden, Skybeamern oder Werbetafeln, das in der Atmosphäre gestreut wird. Da dies negative Folgen für unsere Natur, Umwelt und Gesundheit hat, wird das Phänomen als "Lichtverschmutzung" bezeichnet.
Vor allem die LED-Technik hat die Verschmutzung des Nachthimmels durch Licht binnen kürzester Zeit nochmal deutlich verschärft. Denn LEDs sind günstig und enthalten, wenn nicht anders geregelt, einen höheren Anteil an besonders schädlichen blauen und ultravioletten Wellenlängen, die über große Distanzen hinweg leuchten.
Lichtglocke über Berlin
(Andreas Jechow)
Auswirkungen von Lichtverschmutzung auf die Natur
- Rund die Hälfte aller Insekten ist nachtaktiv. Bei den „Bienen der Nacht“, den Nachtfaltern, die eine sehr wichtige Funktion für die Bestäubung haben, sind es sogar über 80 Prozent. Künstliches Licht verlängert ihre Ruhephase, wodurch ihre Aktivitätsphase, in der sie bestäuben und sich fortpflanzen, verkürzt ist.
- Nachaktive Insekten fliegen zwanghaft auf eine Lichtquelle zu, weil sie diese mit den natürlichen Lichtquellen Mond und Sterne verwechseln, welche sie zur räumlichen Orientierung nutzen. An den Lampen sind sie desorientiert leichte Beute für andere Tiere, verbrennen oder streben an Erschöpfung. Da den umliegenden Grünflächen die Insekten regelrecht entzogen werden, spricht man auch vom Staubsaugereffekt nächtlicher Beleuchtung. Bei tiefer Dunkelheit wird ein Insekt noch über mehrere hundert Meter von einer Lichtquelle angelockt.
- Beleuchtete Wege wirken wie eine Barriere, wodurch Insekten auf ihrer Wanderung nicht weiter gelangen.
- Rund 75 Prozent der Biomasse der Insekten ist bereits verschwunden. Die Zahl der Vögel, die insbesondere in der Brutphase auf Insekten angewiesen sind, ist infolgedessen dabei, drastisch zu sinken.
- Zugvögel können auf ihren zumeist nächtlichen Bahnen erheblich von Beleuchtung gestört werden, bis hin zur Kollision mit beleuchteten Hochhäusern, insbesondere bei Bewölkung. Hierzu tragen Skybeamer und die zunehmende Glasarchitektur bei.
- Bei einer hohen Luftfeuchtigkeit und hoher Lichtkonzentration bildet sich über Städten ein Lichtdom aus. Dieser zieht Zugvögel an. Ähnlich einem Insekt im Lichtschein einer Lampe findet ein Zugvogel aus dem Lichtdom nicht mehr hinaus. Im Extremfall stirbt der Vogel nach stundenlangem Kreisflug.
- Singvögel verändern durch die nächtliche Dauerbeleuchtung ihr Sing- und Fortpflanzungsverhalten. Beispielsweise fangen die Männchen einiger Singvogelarten durch nächtliches Kunstlicht (z. B. Straßenbeleuchtung) morgens früher an zu singen und weibliche Blaumeisen beginnen eher mit dem Brutgeschäft (Quelle: Max-Planck-Gesellschaft).
- eigentlich tagaktive Räuber dehnen ihren Aktionszeitraum aus.
- Zooplankton wie kleine Krebstiere und Insektenlarven schwimmen bei künstlicher Beleuchtung in Gewässernähe deutlich weniger aus tieferen Wasserschichten an die Oberfläche, um Algenplankton abzuweiden. Dies fördert das Entstehen von Algenblüten mit nachteiligen Auswirkungen auf das Gewässer-Ökosystem.
- Beleuchtete Brücken wirken auch auf Wanderfische wie eine Barriere und hindern sie in ihrem Fortkommen
- Der Rückgang von nachtaktiven Insekten führt zu einer verminderten Bestäubung
- Im Herbst verzögert sich die Umstellung auf die Winterruhe. Dadurch werden Blätter später abgeworfen und ganze Sprossabschnitte mit wichtigen Nährstoffen bei Frost absterben. Dies verursacht Stress und mindert das Wachstum.
Wie sich Lichtverschmutzung auf einzelne Arten auswirkt, kann sehr unterschiedlich sein. Gesichert scheint jedoch die Erkenntnis, dass Lichtverschmutzung kaum eine Art verschont.
Längst wird Lichtverschmutzung auch als gesundheitliches Problem für den Menschen betrachtet, in dem es den Melatonin-Haushalt stört. Das Hormon steuert viele Körperfunktionen, Reparatur- und Regenerationsprozesse sowie auch den Wach-/Schlafrhythmus.
Vergleich der Nachthimmel über Berlin, Brandenburg und Namibia
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Gefühlte Sicherheit
Bei Dunkelheit trägt die Beleuchtung im öffentlichen Raum wesentlich zum Sicherheitsgefühl der Menschen bei. Neben der Verkehrsicherheit ist das soziale Sicherheitsgefühl daher ein wichtiger Bestandteil des Beleuchtungskonzeptes von Berlin. Statistisch gesehen gibt es jedoch keinen Nachweis, dass Gefahren mit abnehmender Beleuchtung zunehmen.
Dass intensive Beleuchtung einen Park sogar unsicherer machen kann, bezeugt die polizeiliche Rekonstruktion eines Mordfalls aus dem Jahr 2015 in einem Kaulsdorfer Park. Der Mord an einer Person war nachgestellt worden, weil viele Passanten zum Zeitpunkt des Mordes dicht am Tatort vorbei gegangen sein mussten. Es hatte sich herausgestellt, dass durch neu installierte LEDs der Weg durch den Park so hell erleuchtet war, dass links und rechts davon nichts mehr zu erkennen war.
Lichtverschmutzung stadtweit gezielt angehen
Im Berliner Landes-Immissionsschutzgesetz gibt es allgemeine Regelungen zur Beleuchtung, die in einem Hinweis-Papier der Bund/Länder-Arbeitsgemeinschaft für Immisionschutz (LAI) konkretisiert werden. Zudem existiert seit 2015 das "Stadtbild Berlin Lichtkonzept" u. a. mit Grundsätzen zum Schutz der Umwelt, Menschen und Tiere bei der Öffentlichen Beleuchtung.
Dieses Konzept findet auch Anwendung, etwa bei der seit 2015 konsequenten Umstellung der Berliner Straßenbeleuchtung von Gaslaternen auf energieeffiziente und kostengünstige LEDs. Die neuen Leuchten sollen 3.000 Kelvin nicht überschreiten, einen möglichst geringen Ultraviolett- und Blauanteil aufweisen und damit überwiegend insektenfreundlich sein. Da Berliner Straßenlaternen mehr als 30 Prozent des künstlichen Lichts in der Nacht ausmachen, ist diese Entwicklung sehr positiv zu bewerten.
Gleichzeitig ermöglicht es der Einsatz von vergleichsweise günstigen LEDs, mehr Flächen zu beleuchten und so wird es auch in Berlin insgesamt heller (Rebound Effekt). Es braucht daher detaillierte und vor allem rechtsverbindliche Regelungsansätze, um Lichtverschmutzung stadtweit gezielt zu bekämpfen oder zu beschränken.
Hoffnung setzt der BUND Berlin in den Paragraphen 41a des Bundesnaturschutzgesetzes (BNatschG), der künftig Insekten und andere lichtsensible Tiere stärker vor nachteiligen Auswirkungen der Beleuchtung u. a. von Straßen, Wegen, baulichen Anlagen, Grundstücken oder Werbeanlagen schützen soll. Dieser tritt jedoch erst mit einer Rechtsverordnung in Kraft, die derzeit noch in Arbeit ist. Geregelt werden dann Leuchtanlagen je nach Standort bspw. hinsichtlich ihrer Leuchtfarbe, -stärke, Konstruktionshöhe und -winkel und ihrer jahres- als auch tageszeitlichen Beleuchtungsdauer.
Wann der Paragraph mit der Rechtsverordnung Licht in Kraft tritt, ist leider noch nicht absehbar. Letztlich wird der Erfolg der Verordnung davon abhängen, wie einfach sie für die zuständigen Behörden umzusetzen ist. Zudem werden die Behörden bei Vertsößen gegen diese neue Verordnung auf Hinweise aus der Bevölkerung angewiesen sein.
Lichtverschmutzung messen und melden
Mittlerweile gibt es kostenlose Apps mit denen Sie die Beleuchtungsstärke messen können. Coolexp hat beispielsweise für Android Smartphones die App Light Meter - Lux Meter entwickelt. Wir haben diese App gemeinsam mit den Paten der Nacht getestet und waren von der Leistung der App überzeugt.
Sollte die Beleuchtungsstärke einer Lichtanlage zu hoch sein, dann können Sie das auf dem gemeinsamen Meldeportal der Berliner Bezirke und des Senates melden. Es ist Aufgabe der Umweltämter Ihrer Beschwerden nachzugehen.
5 Tipps, um Lichtverschmutzung zu reduzieren
- Licht nur dort verwenden, wo es unbedingt gebraucht wird
- Licht möglichst niedrig anbringen, immer nach unten hin ausrichten und gut abschirmen, sodass nur das beleuchtet wird, was beleuchtet werden soll
- warmweißes Licht von 1.700 bis maximal 2.700 Kelvin verwenden
- Auf die Lichtintensität achten. Das menschliche Auge kann sich auch an ein geringes Beleuchtungsniveau gut anpassen.
- Mithilfe von Bewegungsmeldern und Zeitschaltuhren das Licht nur solange nutzen, so lang es auch gebraucht wird.
Wo Sie dennoch Sterne beobachten können
Leider dürfte es bisher niemandem in den letzten Jahrzehnten gelungen sein, einmal die Milchstraße aus dem Stadtgebiet heraus zu beobachten.
Dennoch gibt es einige wenige Orte, von wo aus sich zumindest ein paar Sterne bestaunen lassen. Dazu zählen alle Erhebungen wie der Drachenberg und Teufelsberg im Grunewald, die Müggelberge im Köpenicker Forst oder der Kienberg in Marzahn.
Wer sich allerding mehr erhofft, sollte eine Nacht im Sternenpark Westhavelland verbringen. Unser Tipp: schauen Sie vorher unbedingt in den Mondkalender. Denn bei Vollmond sind nur wenige Sterne sichtbar.


