Protestspaziergang durch die Wuhlheide pausiert an ikonischer Eiche. Foto: Björn Obmann
Wenn Sie lieber sanft beginnen mögen, arbeiten Sie sich vom U-Bahnhof Biesdorf-Süd auf der westlichen Seite der Gütereisenbahnstrecke (Berliner Außenring) durch das Naturschutzgebiet „Biesenhorster Sand“ nach Süden durch. Dazu müssen Sie nur den nicht ausgeschilderten Pfad finden, der zwischen den beiden Fußgängerbrücken am Richard-Kolkwitz-Weg abgeht.
Wenn Sie sich aber von Anfang an bewusst machen möchten, was der Natur auf unserer Route droht, dann rollen Sie das Feld von Süden auf. Am besten ab dem S-Bahnhof Spindlersfeld. Gehen Sie die Gloriastraße bis zu ihrem Ende, biegen Sie auf einen Fußweg westwärts ein und erklimmen Sie die Stufen zu der Straßenbrücke, die über die S-Bahn führt. Oben angekommen folgen Sie der Spindlersfelder Straße über die Spree nach Norden.
Diese vierspurige Schnellstraße ist der südliche Teil der sogenannten Tangentialverbindung Ost (TVO). Der nördliche Teil führt als Märkische Allee von der Stadtgrenze bei Ahrensfelde über Marzahn bis zur Bundestraße B1/ B5 in Biesdorf. Zwischen diesen Schnellstraßen klafft aus Sicht einer auf den Autoverkehr fixierten Stadtplanung eine Lücke. Vor Ort zeigt sich jedoch: Bei dieser „Lücke“ handelt es sich nicht um leeren Raum, sondern unzweifelhaft um Wald!
Wo die Spindlersfelder Straße auf die Straße An der Wuhlheide stößt, nehmen wir den Waldweg. Nicht den schmalen Fußweg direkt bei der Tramhaltestelle, sondern den breiteren Weg direkt neben der Bahn – genau dort, wo nach Senatsplänen die TVO verlaufen soll. Beim Eintritt in den Wald noch schnell einen Blick nach links: Die Bahnbrücke ist ziemlich breit geraten, ihre Sockel könnten gut und gern zwei weitere Gleise tragen. Offensichtlich war hier schon einmal etwas mehr geplant. Doch davon später.
Rechts und links des Weges liegt eine Menge Totholz in verschiedenen Verfallsstadien, die Holzernte scheint nicht an erster Stelle zu stehen. Neben den zu erwartenden Kiefern dominieren Eichen, dazu Birken und etwas Ahorn. Schnell kommen wir zur ersten Natursehenswürdigkeit, einer knorrigen, vielfach verzweigten Eiche. Es bleibt nicht die einzige uralte Eiche auf dem Spaziergang. Berlinweit gehört die Wuhlheide zu den Orten mit besonders alten Eichen.
Ausgerechnet dieses Juwel soll einer Autostraße zum Opfer fallen? Über 35 Hektar Natur würde die TVO dauerhaft zerstören. Der Verlust an Waldfläche wäre sogar noch größer: Auf ihrer Länge von 7,2 km verliefe die TVO zwar weitgehend parallel zur bestehenden Bahntrasse, aber immer mit einigen Metern Abstand. Weiteren Raum nimmt der Baustellenweg ein. Selbst wenn ein Teil der Fläche nach dem Bau renaturiert werden sollte, kann der Verlust jahrhundertealter Eichen niemals ausgeglichen werden.
Wozu diese Asphaltschneise durch den Wald? Die Befürworter*innen reden von einer dringend benötigten Entlastung der in Nord-Süd-Richtung verlaufenden Straßen des östlichen Berlins. Wirkliche Entlastung könnte ein anderes Projekt bringen: eine Soder Regionalbahnstrecke parallel zur bestehenden Güterbahnstrecke. Wie die TVO ist auch die sogenannte Nahverkehrstangente seit Jahren angedacht – und zum Teil schon vorbereitet, wie die Brückensockel an der Spindlersfelder Straße zeigen. Wird die TVO Realität, gibt es keinen Platz mehr für eine Nahverkehrstangente.
Nach 1,1 km biegen wir ostwärts ab (wenn wir einen Reitweg erreicht haben, sind wir schon zu weit und der Weg nach Norden wird sich als Sackgasse erweisen). Die stark befahrene Rudolf- Rühl-Allee kreuzen wir, um auf ihrem Fußweg zum S-Bahnhof Wuhlheide zu gelangen. Auf der anderen Seite der S-Bahn folgen wir erneut der Rudolf- Rühl-Allee über die Güterbahngleise und steigen eine Treppe hinab zu einer Kleingartenanlage. Jetzt geht es wieder entlang der Bahntrasse nach Norden.
Nach gut 300 m beginnt der Biesenhorster Sand: ein Trockenrasengebiet mit einzelnen Bäumen und kleinen Waldabschnitten. Wie unzählige alte Schwellen und andere Relikte bezeugen, war es zu DDR-Zeiten ein Rangierbahnhof. Heute wachsen nicht weniger als 21 Rote-Liste-Pflanzen auf dieser Offenlandschaft. Die TVO verliefe zwar auf der andere Seite der Bahn, würde aber mit ihrem Lärm den einzigartigen Charakter des Gebiets komplett zerstören – und den Platz der Nahverkehrstangente einnehmen. Diese müsste, sollte sie dennoch realisiert werden, dann im Naturschutzgebiet entstehen. Das ist undenkbar. Machen Sie sich auf den Weg und überzeugen Sie sich selbst, warum die TVO niemals gebaut werden darf!
Spindlersfelder Straße bis U-Bahnhof Biesdorf-Süd: ca. 5,5 km
Mehr zur TVO und zum Planungsstand: www.bi-wuhlheide.de
Um die Wuhlheide und andere grüne Flächen in Berlin dauerhaft vor der Zerstörung zu bewahren, unterstützen Sie bitte die BUND-Flächenschutzkampagne!
Dieser Artikel erschien in der BUNDzeit 4/2025. Mehr zum Schwerpunktthema Verkehr:
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