Überleben in der Heißzeit

16. August 2025 | Bauen, Bäume, BUNDzeit-Artikel, Gesundheit, Infrastruktur, Stadtnatur, Umweltgerechtigkeit

Die Klimakrise kommt nicht morgen, sie ist schon da. Versiegelungsstopp und Begrünung helfen schnell und effektiv gegen tödliche Hitzewellen

Das ICC (Hintergrund) steht seit Jahren ungenutzt leer, während Schwarz-Rot die Wildnis rund um das Westkreuz zerstören will. Foto: Roland Brockmann

Anne weiß es schon, Kai noch nicht: Bäume sind die besten Klimaanlagen. Unter der Führung seiner sozialistischen Bürgermeisterin Anne Hidalgo hat Paris den Kurs der „Vegetalisierung“ eingeschlagen. Die Stadtverwaltung lässt 700 Straßen in Gartenstraßen (rue-jardin) umbauen, an die Stelle von 70.000 Parkplätzen treten 170.000 neu gepflanzte Bäume. Die zunächst umstrittenen Maßnahmen haben sich schon bezahlt gemacht: Der staatliche Wetterdienst Météo- France ermittelte, dass während der Hitzewelle im Juni die Temperaturen in den umgestalteten Straßen um ein bis vier Grad sanken.

Heiß war es nicht nur in Paris. In Westeuropa war der Juni 2025 der heißeste Juni, der jemals gemessen wurde, und weltweit der drittheißeste. Mit Folgen für die menschliche Gesundheit: Die Übersterblichkeit stieg. Eine Schnellstudie des Imperial College London ermittelte für die letzte Juniwoche in zwölf europäischen Großstädten 2.300 Hitzetote, davon 1.500 Fälle, die es ohne die globale Erhitzung nicht gegeben hätte.

Berlin war nicht unter den untersuchten Städten, aber die Bilanz der Jahre 2022 bis 2024 ist bekannt: Über 600 Menschen starben in der Hauptstadt an den Folgen extremer Temperaturen – fünfmal so viel wie bei Verkehrsunfällen im gleichen Zeitraum. Hitze tötet, daran besteht kein Zweifel. Aber was tut der Berliner Regierende Kai Wegner? Er bekräftigt, dass er für eine Bebauung des Tempelhofer Felds ist. Und beweist damit Ignoranz in vielerlei Hinsicht: gegenüber dem Volksentscheid von 2014, gegenüber dem sehr bescheidenen Effekt einer Feldbebauung auf den Wohnungsmarkt, gegenüber der kühlenden Funktion des ehemaligen Flughafengeländes für die umliegende Stadtviertel. Fairerweise muss man sagen: Nicht nur Wegner verhält sich ignorant. Seine CDU tut es auch, ebenso der Koalitionspartner SPD. Und es betrifft keineswegs nur das Tempelhofer Feld – wenn auch dieses besonders, weil es politisch stark aufgeladen ist –, sondern das gesamte Stadtgrün.

Stadtgrün ist kein Gedöns

Äcker (Beispiel Elisabethaue), Friedhöfe (Mariendorfer Dreifaltigkeitsfriedhof III), Wälder (Emmauswald), alte Bahngelände (Pankower Tor), Kleingärten (Pankower Allee): Bauvorhaben zerstören oder bedrohen städtisches Grün aller Kategorien. Nicht einmal Ausgleichsflächen, die ihre Existenz anderen Versiegelungen verdanken, sind sicher, wie das geplante Schwimmbad im Jelena-Šantić- Friedenspark in Marzahn-Hellersdorf zeigt. Längst nicht bei allen Bauprojekten geht es um Wohnungen, Schulen oder Schwimmbäder.

Allzu oft entstehen schlicht Neubauten für Büro- und Gewerbe. Ganz egal, ob wirklich Bedarf besteht. So drohen am Gleisdreieck sieben Bürohochhäuser den überaus belebten Park völlig zu dominieren und aufzuheizen. Grundlage dafür ist ein städtebaulicher Vertrag aus dem Jahr 2005. Damals waren Büroflächen nachgefragt. Heute stehen sie leer; allein in Berlin unfassbare 1,75 Millionen Quadratmeter. Ähnlich verheerend und unnötig sind baumvernichtende Verkehrsprojekte, allen voran die sogenannte Tangentialverbindung Ost (TVO), eine geplante Schnellstraße durch die Wuhlheide. Oder die skandalöse Abholzung am Tempelhofer Damm.

Jetzt muss Schluss sein mit dem Flächenfraß! Es ist höchste Zeit für einen Versiegelungsstopp: Keine einzige grüne Fläche soll mehr verbaut werden! Gebaut werden soll nur noch dort, wo schon versiegelt ist.

Oder besser noch: gar nicht. Umbauen statt neu bauen, denn Gebäude gibt es mehr als genug. Mehr braucht Berlin dagegen von den grünen Flächen. Für die Kühlung in Hitzephasen, für den Wasserhaushalt, für die Artenvielfalt und natürlich für Erholung und Freizeit. Den Grünanlagen von heute sieht man deutlich ihre Übernutzung an; schließlich müssen sich immer mehr Menschen die schönen grünen Orte teilen. Kluge Politik würde deshalb an allen Stellen der Stadt Vegetation zulassen und fördern. Das bedeutet konkret: Fahrspuren und Parkplätze aufgeben, Entsiegelung auf die Agenda setzen, Grünflächenämter ordentlich ausstatten.

Die ganze Gesellschaft muss sich ehrlich fragen: Wie viel Fläche beanspruchen wir? Können wir uns ein Steuersystem leisten, das den Leerstand von Büroflächen belohnt? Dulden wir Tausende illegale Ferienwohnungen und möblierte Apartments? Gehört zur deutschen Erfolgsbiografie zwingend das eigene Einfamilienhaus im Grünen? Diese Fragen betreffen nicht allein die Großstadt. Auch im Flächenland Brandenburg ist der Druck auf die Landschaft immens. Während in vielen Ortskernen der Leerstand regiert, wachsen die Neubaugebiete. Leider macht die SPD-BSW-Koalition in Potsdam den Flächenfraß per Gesetz noch leichter als bisher.

Eigentum verpflichtet

Wenn von gesellschaftlicher Verantwortung die Rede ist, gilt es freilich zu differenzieren. Wer Immobilien besitzt, hat mehr Möglichkeiten, Flächenverschwendung zu stoppen. Vermieter*innen mit vielen Wohnungen können – nein, müssen! – ihre Mieter*innen unbürokratisch und ohne Mieterhöhung Wohnungen tauschen zu lassen. Mieter*innen, die ihre Wohnfläche verkleinern wollen, dürfen dafür nicht finanziell bestraft werden. Und grundsätzlich gilt: Wohnraum muss bewohnbar gemacht werden. Statt Druck auf die Stadtnatur braucht es Druck auf die Politik, damit die grünen Flächen endlich wirksamen Schutz bekommen.

Werden Sie aktiv: Helfen Sie dem BUND, diesen Druck auszuüben, und unterschreiben Sie jetzt auf www.gruene-flaechen-retten.de

Dieser Artikel erschien in der BUNDzeit 3/2025. Mehr zum Schwerpunktthema Flächenschutz:

Grün und bedroht: Welche Flächen in Berlin und Brandenburg von der Bebauung bedroht sind
Flächen in Zahlen
Ökotipp: Stadtbegrünung selbst machen
Mitmachen: Flächenfraß dokumentieren
 

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