Christoph Harting, geboren 1990 in Cottbus, wurde 2010, 2011 und 2012 Deutscher U23-Meister im Diskuswurf. 2016 gewann er bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro die Goldmedaille. Er unterstützt das Bündnis NOlympia, das eine Berliner Bewerbung für die Olympischen Spiele 2036, 2040 oder 2044 verhindern will. Bei der Abgeordnetenhauswahl im September 2026 kandidiert er für die Linke in Lichtenberg. Foto: Tilo Wiedensohler
BUNDzeit: Herr Harting, Sie haben bei den Olympischen Spielen 2016 Gold beim Diskuswerfen geholt. Wie haben Sie Rio de Janeiro erlebt?
Christoph Harting: Auf der einen Seite gibt es kein anderes Ereignis, das so stark mit dem Leistungssport verbunden ist wie Olympia. Wenn du selbst nicht dabei warst, kannst du dir das nicht vorstellen. Da hat man acht Jahre lang jeden Tag außer Sonntag für zweimal drei Stunden trainiert, plus drei Stunden Extraarbeit mit Technik, Physiotherapie und Kältekammer, um dann am Ende dieses Commitment ausgezahlt zu bekommen. Von diesen Gefühlen bist du vollkommen erschlagen. Auf der anderen Seite siehst du, wie dieses Event auf dem Rücken von Menschen ausgetragen wird, die keinerlei Einfluss auf diese Entscheidung nehmen konnten.
Wie sah das konkret aus?
Unsere Handball-Jungs haben in einer provisorischen Halle unten an irgendeinem Strand gespielt und Bronze geholt. 50 Meter weiter am Zaun standen 20.000 Menschen und haben dagegen protestiert, dass die Gelder, die für die Olympischen Spiele in Rio ausgegeben wurden, ihnen in der Stadt einfach fehlen. Es war klar: Hier verursacht Korruption Leid. Oder der öffentliche Verkehr: Während der Spiele fuhren Busse und Bahnen exklusiv für Sportler und für das ganze Karussell, das da dranhängt, also Journalisten, Trainer, Funktionäre und so weiter. Man hat die halbe Stadt dichtgemacht. Die Menschen, die auf den sowieso nur minimal funktionierenden öffentlichen Personenverkehr angewiesen sind, waren gearscht. Man reist als wohlstandverwöhnter Mitteleuropäer ja mit so ein paar Klischees und kleinen Vorurteilen an – und wird in so verdammt vielem bestätigt. Gerade weil man als Sportler große Hoffnungen in Olympia setzt, ist es extrem desillusionierend. Da sind zwei Welten aufeinander geknallt. Ja klar, Olympia ist dein Event, aber es tut einfach im Herzen weh, weil das so oft so falsch läuft. Es war in Rio so, es war in Peking so und es wird bei den nächsten Spielen in Los Angeles genauso sein. Die Leute, die auf der Straße wohnen, werden weggekarrt, raus vor die Stadt, in irgendwelche Zeltlager, so nach dem Motto: Hier könnt ihr euer Fentanyl nehmen.
Als Leistungssportler haben Sie sich den Start bei Olympia hart erarbeitet. Und dann kommen im Fahrwasser der Athlet*innen andere Leute und machen Business …
Es fängt schon damit an, dass du deine Marketingrechte als Sportler an den jeweiligen Landesfachverband abgeben musst, damit du von ihm Förderung bekommst. Der Deal ist: Du willst Sport machen, du willst erfolgreich sein, der Verband kriegt alle deine Bild- und Tonrechte, dafür bezahlt er dir ein Trainingslager. Was für ein Missverhältnis.
Springen wir von Rio nach Berlin. Angenommen, ich bin ein Grundschulkind und möchte Diskuswerfen lernen, weil ich das im Fernsehen gesehen habe …
… Sorry, dass ich unterbreche: Wann hast du zuletzt Diskuswerfen im Fernsehen gesehen?
Keine Ahnung, ich habe schon lang keinen Fernseher mehr. Vielleicht bei den Olympischen Spielen 2008. Aber wie kommt das Kind nun zum Diskus?
Also zunächst hast du den ganz normalen Schulsport. Wenn du dich gut darstellst, dass dich die Sportlehrer bemerken, empfehlen sie dir vielleicht einen Verein. Dann gehst du mit deinen Eltern dort zum Training, einmal die Woche. Die erste Woche findet statt, die zweite und dritte Woche wegen Krankheit nicht. Jedenfalls dauert es Monate, bis die Kinder in der Vereinsarbeit angekommen sind. Wenn man als Kind in Berlin Sport machen möchte, ist es unglaublich schwer. Eltern sind die ganze Zeit damit beschäftigt, ein Betreuungsnetzwerk für die Kinder zu schaffen. Wobei es natürlich auf die Sportart ankommt. Im Fußballverein kriegst du schneller den Ball vor die Beine als beim Eisschnelllauf eine Kufe an den Schuh. Ohne das Ehrenamt geht hier nichts. Es braucht Leute mit Trainerschein, die eine Ausbildung gemacht haben, ansonsten dürfen sie gar nicht tätig werden.
Olympische Spiele sollen Sportbegeisterung wecken. Angenommen, das funktioniert in Berlin – wo sollen die ganzen begeisterten Leute Sport machen?
Da fängt das Problem schon an. Du kannst ja nicht schwimmen, wenn du kein Wasser hast. Wir brauchen viel mehr Trainer und Sportplätze. Es braucht Unterstützung des Ehrenamts. Und sei es nur, den ehrenamtlichen Helfern eine Aufwandsentschädigung zu zahlen. Es gibt ja so viele Möglichkeiten, aber man will es einfach nicht machen. Und dann die fehlende oder marode Infrastruktur. Wir haben Turnhallen aus den späten Achtzigerjahren, da kannst du das Wasser nicht trinken, weil die Rohre schmutzig sind. All das lässt sich mit Geld lösen – bei entsprechender Planung. Stattdessen wird gekürzt und gekürzt. Sich jetzt hinzustellen und sagen, na gut, wir haben den Sport kaputtgespart, aber dafür können wir Olympia, finde ich heuchlerisch.
Was sollte der Berliner Senat tun, um den Sport wirklich zu fördern?
Ich würde an Berlins Stelle das Geld, das für die Olympia-Bewerbung eingeplant wurde, dem Sport zugutekommen lassen. Sportstätten sanieren, Ehrenamt fördern, Physiotherapie für Leistungssport finanzieren, what ever. Nebenbei erwähnt: Dass es ausgerechnet sechs Millionen Euro für diese Kampagne gibt, ist mit Blick auf die unselige Geschichte der Olympischen Spiele von 1936 eine schon ziemlich makabere Zahl. Aber zurück zur Gegenwart: München hat eine Volksbefragung gemacht, die haben die Infrastruktur, die haben das Geld, lass es sie doch einfach machen. Wir brauchen keinen innerdeutschen Schwanzvergleich. Dabei ist im Vorhinein sowieso klar, dass die Berliner Bewerbung scheitern wird. Es gibt kein Szenario, in dem die geplanten sechs Millionen Euro für die Bewerbung sinnvoll angelegt sind.
Das Interview führte Sebastian Petrich. Es erschien in der BUNDzeit 1/2026. Mehr zum Schwerpunktthema „Prioritäten setzen“:
Das Richtige tun und das Falsche lassen
Jahrhunderttorheit in Mitte
Forschen, plakatieren, spenden
Prioritäten setzen in Zahlen
NOlympia
Berlin hat viele Probleme. Olympische Spiele lösen aber keines davon, sie schaffen nur neue. Der BUND gehört deshalb zum Bündnis NOlympia, das Olympia 2036, 2040 oder 2044 in Berlin verhindern will. Wollen Sie das Volksbegehren dazu unterstützen?
Ab März werden Unterschriften gesammelt. Hier geht es zum Download der Unterschriftenliste: www.nolympia.berlin
Natürlich bekommen Sie die Unterschriftenlisten auch in der BUND-Landesgeschäftsstelle (Crellestraße 35, Berlin-Schöneberg). Volle Unterschriftenlisten können Sie gern dort abgeben.


