Jahrhunderttorheit in Mitte

09. Februar 2026 | BUNDzeit-Artikel, Fahrrad, Fußverkehr, Verkehr

Wie kann man beim Straßenumbau möglichst falsche Prioritäten setzen? Das zeigt die Senatsverkehrsverwaltung exemplarisch in der Torstraße

Eine Autospur pro Richtung reicht auf der Torstraße locker. Foto: Axadem, creativecommons. org/licenses/by-sa/4.0

Tiefe Risse im Asphalt, alte Leitungen, keine Radwege: Die Torstraße braucht eine Runderneuerung, wie sie nur alle 70 bis 80 Jahre ansteht. Eigentlich eine großartige Gelegenheit, um die Straße den kommenden Herausforderungen anzupassen. Ein sinnvoller Umbau würde die Klimaziele im Verkehrssektor, den demografischen Wandel, die veränderten Mobilitätsgewohnheiten, die häufigeren Hitzesommer und die stärkeren Niederschläge berücksichtigen. Doch die Berliner Senatsverkehrsverwaltung hat beschlossen, sich stattdessen – gegen den Willen des Bezirks Mitte – an der Vergangenheit zu orientieren. 

Wenn ab dem kommenden Herbst die Bagger den Asphalt der Torstraße zwischen Chausseestraße und Rosenthaler Platz aufreißen, tun sie das, um nach längerer Bauzeit nahezu den gleichen Straßenquerschnitt wie bisher wiederherzustellen: eine schwer zu querende, ungefähr 15 Meter breite Schneise. Davon sind 12,50 Meter beziehungsweise zwei Autospuren pro Richtung für den motorisierten Verkehr vorgesehen. Und der Radverkehr? Nur auf der nördlichen Seite ist eine maximal zwei Meter breite, baulich nicht geschützte Radspur auf der Fahrbahn geplant. 

Auf der südlichen Seite bleibt die Fahrbahn den Autos vorbehalten: Radfahrende sollen auf einen zwischen 1,30 und 2,00 Meter schmalen Weg auf dem Bürgersteig ausweichen. Für die Zufußgehenden bleibt ein Reststreifen von 2,50 Meter an der engsten Stelle, den sie sich mit der Außengastronomie teilen müssen. Sehenden Auges schafft die Senatsverkehrsverwaltung so einen neuen Schwerpunkt für Unfälle zwischen Rad- und Fußverkehr. 

Auch Baumfällungen sieht der törichte Plan für die Torstraße vor. Nur 104 von 140 Bäumen sollen stehen bleiben, wobei die Senatsplaner*innen dies nur bei sieben mit Gesundheitsproblemen begründen. Die restlichen stören schlicht den Verkehr, indem sie zu nahe am Fahrbahnrand stehen oder Sichtachsen beim Queren der Torstraße verstellen. Einige fallen dem Hochbordradweg auf der Südseite zum Opfer. Also jenem Radweg, der nicht auf der Fahrbahn verlaufen darf, damit der Autoverkehr keinen Platz abgeben muss. Nur weil die Senatsverkehrsverwaltung auf den vier Autospuren beharrt, müssen die Bäume weg. 

Als Ersatz für die gefällten Bäume sieht der Plan lediglich eine 1:1-Nachpflanzung vor, obwohl es Jahrzehnte dauern wird, bis die jungen Bäume die gleiche Ökodienstleistung (Kühlung, Luftfiltration, CO2-Bindung) wie die alten erbringen. Falls sie überhaupt die ersten Jahre überstehen. Nebenbei möchte die Verwaltung den Abstand zwischen den Bäumen von neun auf zwölf Meter vergrößern. So viel zu dem Versprechen von Schwarz-Rot, die Ziele des Baumentscheids zu übernehmen. 

Fairerweise muss man anmerken, dass die Fachleute von Verkehrssenatorin Ute Bonde (CDU) schon einmal einen besseren Plan für die Torstraße hatten. Unter dem rot-grün-roten Vorgängersenat sahen sie nur eine Fahrspur pro Richtung für den motorisierten Individualverkehr vor, dafür Radspuren auf der Fahrbahn und angemessen viel Platz zum Gehen und Verweilen auf den Bürgersteigen. Nach dem Regierungswechsel gab die Hausleitung die neue Devise aus: Kein Zentimeter Straße darf dem Autoverkehr genommen werden. 

Als Begründung muss wie so oft die Flüssigkeit des Verkehrs herhalten. Aber braucht es dafür wirklich so viel Platz? Die amtliche Erhebung auf der westlichen Torstraße ergab 2023 nur rund 18.000 Kraftfahrzeuge pro Tag, Tendenz sinkend. Zum Vergleich: Auf der Neuköllner Karl-Marx-Straße, die vor wenigen Jahren von zwei Autospuren pro Richtung auf eine Autospur plus Radspur umgebaut wurde, fahren zwischen Erkstraße und S-Bahnhof Neukölln 19.200 bis 20.200 Fahrzeuge täglich. Chaotische Zustände herrschen dort dennoch nicht. 

Dass die Verkehrsmenge keine vier Spuren erfordert, weiß natürlich auch die Senatsverkehrsverwaltung. Außerhalb der Rushhour sollen die beiden äußeren Autospuren zum Autoparken dienen. Letztlich geht also um den Erhalt von Parkplätzen – so setzt der CDU-geführte Senat die Prioritäten im Jahr 2026. 
Richtig wäre es so: Die Planung beginnt außen. Sie klärt, welche Aktivitäten auf den Bürgersteigen stattfinden sollen und ob dafür mehr Platz nötig ist. Jeder einzelne Baum bekommt Bestandsschutz – und neue Kollegen an die Seite gestellt. Schließlich braucht die Stadt in Zukunft nicht weniger, sondern deutlich mehr Bäume. Radwege verlaufen ausschließlich auf der Fahrbahn. Was in der Straßenmitte übrig bleibt, reicht für den perspektivisch immer weniger werdenden Autoverkehr. 

Unterschriftensammlung für Stopp und Neuplanung des Umbaus bei open petition

BI Lebendige Torstraße: www.torstrasse.berlin

Dieser Artikel erschien in der BUNDzeit 1/2026. Mehr zum Schwerpunktthema „Prioritäten setzen“:

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