Waldsterben 2.0

16. Mai 2024 | Bäume, BUNDzeit-Artikel, Naturschutz, Wälder

Den Wäldern geht es sichtlich schlecht. Wenn wir weiterhin ökologische Leistungen von ihnen erwarten, müssen wir ihre wirtschaftliche Nutzung drastisch reduzieren.

Deutschlands ältestes Waldschutzgebiet, der Plagefenn bei Eberswalde. Foto: Sebastian Petrich

Noch nie seit Beginn der systematischen Erhebungen 1984 war der Zustand der Wälder bundesweit schlechter als heute, nur jeder fünfte Baum hat keine sichtbaren Schäden. Die Trockenheit der letzten Jahre hat als Folge der globalen Erwärmung zu einem Dauerstress geführt, durch den die Waldbäume anfälliger für Stürme und Schädlingsbefall sind. Gleichzeitig sind die Anforderungen an den Wald gestiegen: Er soll eine Reihe von Dienstleistungen erbringen, die sich nur schwer miteinander vertragen.

Saubere Energie soll der Wald liefern. Neben Pelletöfen-Betreiber*innen setzen auch Kommunen bei der Wärmewende auf Holzverbrennung, verschleiernd als „energetische Nutzung von Biomasse“ bezeichnet. So will Berlin nicht nur das Fernwärmenetz, sondern auch den zugehörigen „Dekarbonisierungsfahrplan“ vom Energiekonzern Vattenfall übernehmen. Und der sieht bis zu 20 Prozent Holzverbrennung bei der Fermwärmeerzeugung vor. Sehr hartnäckig hält sich das Gerücht, Holz sei ein klimaneutraler Brennstoff. Bezogen auf die Energieausbeute setzt Holz bei der Verbrennung fast doppelt so viel CO2 frei wie Erdgas. Bleibt das Holz dagegen im Wald, bindet es auch weiterhin Kohlenstoff.

Doch auch tatsächlich treibhausgasneutrale Energieerzeugung kann Wald vernichten. Strenge Abstandsregeln zu besiedelten Bereichen erhöhen den Druck, Windräder im Wald zu errichten. Doch für Windmühlen müssen nicht nur ein paar Quadratmeter rund um den Sockel gerodet werden. Jede Anlage braucht einen Zufahrtsweg, der breit genug ist, um die riesigen Einzelteile per Schwertransport anzukarren.

Weiter so, aber mit Holz?

Mit Blick auf die gigantischen CO2-Emissionen der Zementindustrie lockt die scheinbar einfache Lösung „Baut mit Holz“. Und in Sachen Plastik der Einsatz von Papier. Das übersieht aber, dass die Holzernte global gesehen längst den Zuwachs übersteigt und wir die Ökosysteme übernutzen. Die Produktion zu steigern, ist keine Option. Neue Hochleistungsbaumplantagen schaffen neue ökologische Probleme, außerdem konkurrieren sie mit der Landwirtschaft um Flächen. Und weil die Nahrungsmittelproduktion künftig weniger intensiv betrieben werden muss, vergrößert sich ihr Flächenbedarf. Hilfe bringen wie so oft nur Effizienz und Suffizienz: Stoffe müssen wiederverwendet oder recycelt werden, viele Produkte gilt es auf ihre Notwendigkeit zu überprüfen. Auch die Lebensmittelherstellung gehört auf den Prüfstand, schließlich bedeutet viel Fleisch viel Futter und damit viel Anbaufläche.

Je stärker die Wälder als Energie- und Rohstofflager dienen, desto geringer fallen ihre unersetzlichen Ökosystemdienstleistungen aus. Angesichts ihrer Funktion als Kohlenstoffspeicher dürften eigentlich gar keine Bäume mehr gefällt werden. Bislang können nur intakte Wälder und Moore im großen Maßstab CO2 aus der Luft entnehmen – realistische technische Möglichkeiten sind nicht in Sicht. Auch für das lokale Klima machen sich die Wälder nützlich, indem sie die Umgebung teils erheblich abkühlen, unverzichtbar in den Hitzesommern der nächsten Jahrzehnte. Und gerade für eine so trockene Region wie Berlin-Brandenburg ist die Fähigkeit der Wälder, Wasser im Boden zu speichern, von größter Bedeutung. Auch für die Trinkwasserversorgung.

Zeit für mehr Diversität

Ihr gegenwärtiger Zustand und ihre intensive Bewirtschaftung machen es den Wäldern schwer, diese sehr erwünschten Ökosystemdienstleistungen zu erbringen oder gar auszuweiten. Es herrscht zwar weitgehende Einigkeit darüber, dass ein Waldumbau weg von schadensanfälligen, das ganze Jahr über viel Wasser verbrauchenden Nadelbaum-Monokulturen – in Brandenburg vor allem Kiefern – und hin zu stresstoleranteren Mischwäldern nötig ist.

Der BUND warnt aber davor, dabei die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen. Keineswegs dürfen die gesetzlichen Schlupflöcher für kahlschlagähnlichen Abholzungen ausgereizt werden, um dann kleine Bäumchen in Reih und Glied zu pflanzen. Auch die beliebten Bestandsauslichtungen, gedacht um Licht für nachkommende Pflanzen durchzulassen, sollten möglichst unterbleiben, denn sie trocknen die Böden aus. Und erst recht falsch ist es, alle Hoffnungen auf nicht heimische Arten zu setzen, die vielleicht mit den Folgen der Erderwärmung besser zurechtkommen.

Hilfe zur Selbsthilfe

Waldumbau richtig verstanden, bedeutet vielmehr, den Wald sich selbst entwickeln zu lassen. Nur so kommen Pflanzen zum Zug, die wirklich standortangepasst sind, nur so gelingt die Mischung nicht nur der Arten, sondern auch der Altersklassen. Vor allem bleibt beim naturnahen Waldumbau viel Totholz im Wald. Die abgestorbenen Bäume bringen Nährstoffe in den Boden, speichern Wasser und bieten Vögeln, Insekten und Pilzen ein Zuhause. Gleichzeitig fördern sie die Naturverjüngung, weil die Rehe Schwierigkeiten haben, nachwachsende Bäume abzuknabbern, wenn Totholz schützend am Boden liegt.

Wenn wir als Gesellschaft dem Wald helfen wollen, können wir das recht einfach tun. Etwa mit einem Bundeswaldgesetz mit ökologischen Mindeststandards und mit Jagdgesetzen auf Landesebene, die zur effektiven Reduzierung des Rehwilds führen. Höchst sinnvoll wäre auch, alle waldzerstörenden Verkehrsprojekte wie die Tangentialverbindung Ost (TVO) im östlichen Berlin oder die B 96 neu im nördlichen Brandenburg sofort zu stoppen. Die beste Maßnahme wäre jedoch besonders einfach: Es müssten deutlich mehr Waldgebiete komplett aus der forstlichen Nutzung genommen und als Totalreservat sich selbst überlassen werden.

Dieser Artikel erschien in der BUND 02/2024. Mehr zum Titelthema Wald:
Wo Wald wächst: Vier Beispiele aus Berlin und Brandenburg
„Von allein läuft der Waldumbau oft besser“: Interview mit Lutz Fähser
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