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BUND Landesverband Berlin

„Wir leben in einer privilegierten Region“

Verena Toussaint studierte in Bonn Agrarwissenschaften mit dem Schwerpunkt Pflanzenproduktion und promovierte anschließend zum Thema Waldsterben. Seit 1992 arbeitet sie am Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) in Müncheberg. Zuletzt koordinierte sie das Innovationsnetzwerk Klimaanpassung Brandenburg-Berlin.

Agrarwissenschaftlerin Verena Toussaint über Aprikosen, Mücken und andere Folgen des Klimawandels in Brandenburg

Wie wird sich das Klima in den nächsten Jahrzehnten verändern?

Die aktuellen globalen Szenarien sind wesentlich pessimistischer als früher. Die Wissenschaft geht inzwischen davon aus, dass sich das Ziel, die globale Erwärmung auf zwei Grad zu beschränken, kaum mehr halten lässt. Was das für Brandenburg und Berlin bedeutet, lässt sich jedoch noch nicht mit Gewissheit sagen. So ist keineswegs sicher, dass Brandenburg in Folge des Klimawandels zur Steppe wird, wie es vor einigen Jahren durch die Presse ging.

Hat der Klimawandel in unserer Region schon begonnen?

Ja, bezogen auf den Referenzzeitraum 1960 bis 1990 ist die Jahresdurchschnittstemperatur bereits um etwa ein Grad gestiegen. Hitzeperioden wie der Sommer 2003 können Mitte des Jahrhunderts Normalität sein. Die Vegetationsperiode ist inzwischen drei Wochen länger, etwa zwei Wochen im Frühjahr und eine Woche im Herbst. Und sie wird noch länger werden. Es scheint einen Trend zu mehr Regen im Winter und zunehmender Trockenheit im Sommer zu geben. Ebenfalls wahrscheinlich, aber nicht belegbar, ist die Zunahme von Starkregen.

Steigt die Durchschnittstemperatur gleichmäßig über das Jahr verteilt?

Nein. Es wird vermutlich vor allem im Winter wärmer. Das merkt man im Alltag jedoch kaum. Ob 4°C oder 7°C bei Nieselregen – es ist in jedem Fall grau und unangenehm, so dass die Erwärmung kaum ins öffentliche Bewusstsein dringt.

Was ist die entscheidende Auswirkung des Klimawandels auf unsere Region?

Wahrscheinlich Wasserknappheit, wobei man nicht weiß, wie sich die Verteilung der Niederschläge im Jahresverlauf genau entwickeln wird. Auf jeden Fall bedeuten höhere Temperaturen mehr Verdunstung; die Frage ist aber, wo sich das Wasser wieder niederschlägt. Problematisch wird es, wenn eine negative Wasserbilanz entsteht. Dann sinkt der Wasserspiegel der Seen und Fließe fallen trocken. Zudem benötigt die Sanierung der aufgegebenen Tagebaue viel Wasser, das in der Spree fehlt, was wiederum die Wasserqualität verschlechtert. Konflikte um Wasser sind wahrscheinlich, allerdings nicht in der Form, dass das Trinkwasser knapp wird. Man muss schon ganz klar sagen: Wir leben hier in einer privilegierten Gegend, uns bedroht kein steigender Meeresspiegel und keine katastrophale Dürre – für andere Länder geht es um das Überleben.

Was sind die größten Herausforderungen für die Landwirtschaft?

Sie wird sich an Trockenheit anpassen müssen. Das bedeutet andere Bewirtschaftungsverfahren und andere Sorten. Die Landwirte werden sich nicht mehr auf die Regeln der Vorväter verlassen können, wann man was sät. Ob vermehrt bewässert wird, ist vor allem eine ökonomische Frage. Es wird sich zeigen, zu welchem Preis knapper werdendes Wasser verfügbar ist und welche Preise man mit den Agrarprodukten erzielen kann. Ein weiteres Problem sind die überwiegend sandigen Böden in Brandenburg, die in Kombination mit geringen Humusgehalten die Speicherung von Wasser schwierig machen. Das muss man dringend verbessern, indem man mehr organische Substanz auf dem Acker lässt und Zwischenfrüchte anbaut.

Wird man weiterhin alles anbauen können?

Im Wesentlichen ja. Für die Hauptkulturen, Getreide, Mais, Raps, Kartoffeln, Zuckerrüben, trifft das zu. Die gedeihen auch im Mittelmeerraum. Bei ihnen wird sich das Sortenspektrum ändern müssen, hin zu an Trockenheit und Hitze angepasste Sorten. Insgesamt bringt der Klimawandel der Landwirtschaft eher Nachteile als Vorteile, das gilt vor allem für die ostdeutschen Trockengebiete. Aber es gibt nicht nur Nachteile. So könnten künftig Kulturen wie Wein, Kiwis oder Aprikosen ein Thema werden und die längere Vegetationsperiode erlaubt mehrere Ernten.

Wie sieht es im Wald aus?

Für den Wald ist die verlängerte Vegetationsperiode ein Problem, weil die Bäume bei höheren Temperaturen mehr Wasser verdunsten. Darunter leiden insbesondere immergrüne Nadelbäume wie die Kiefer, die wichtigste Baumart auf den hiesigen sandigen Böden. Hier kann der verstärkte Umbau zu Mischwäldern für mehr Stabilität sorgen.

Was bedeuten höhere Temperaturen für die Biodiversität?

Es wandern mehr oder weniger unbemerkt Tiere und Pflanzen von Süden nach Norden. Beispielsweise breiten sich Stechmückenarten aus, die auch Krankheitserreger übertragen können. Die Beifuß-Ambrosie, die Allergikern im November Probleme bereitet, ist schon da. Die Ökosysteme verändern sich, wenn eine Art wandert, ihre Feinde aber nicht folgen. Im Vergleich zu den übrigen Prozessen in der Ökologie oder gar in der Geologie verläuft der Klimawandel rasant. Hundert Jahre sind in diesem Zusammenhang eine sehr kurze Zeitspanne. Im Naturschutz kann die Erwärmung dazu führen, dass bestimmte Arten in definierten Gebieten Schutz genießen, sich dort aber aus klimatischen Gründen nicht halten können. Ein Beispiel: Die Standvögel fangen früher an zu brüten und haben schon die besten Plätze besetzt, wenn die Zugvögel hier ankommen. Die werden dann ausweichen müssen.

Apropos Wanderungsbewegungen: Wie wirkt der Klimawandel auf den Tourismus in Brandenburg?

Eine künftige Entwicklung könnte sein, dass der Mittelmeerraum aufgrund gestiegener Temperaturen an Attraktivität verliert und die Leute lieber im vergleichsweise gemäßigten Klima hier Urlaub machen. Aber es gibt auch Probleme. Da es in Brandenburg meist um Naturtourismus geht, spielt es eine Rolle, ob die Gewässer genügend Wasser führen. Der Küstrinchenbach im Naturpark Uckermark beispielsweise, der ein beliebtes Paddelziel ist, war in den letzten Jahren immer wieder aufgrund des zu niedrigen Wasserstands nicht befahrbar. Mit dem Klimawandel hat sich die Tourismusbranche bislang aber noch nicht beschäftigt, schon eher ist derzeit ein Thema, ob Monokulturen die Gäste abschrecken. Schließlich möchte niemand stundenlang durch Maisfelder radeln.

Dieses Interview erschien in der BUNDzeit 2015-1

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