Fernwärme-Fahrplan der BEW vertagt den Ausstieg aus der Verbrennung

10. Juni 2026 | Klimaschutz, Zero Waste

Dekarbonisierungsfahrplan offenbart fehlende politische Leitplanken für eine klimaneutrale und bezahlbare Wärmeversorgung

Foto: Johan Jönsson (CC BY-SA 4.0)

Berlin, 10. Juni 2026: Der neue Dekarbonisierungsfahrplan des landeseigenen Fernwärmeversorgers Berliner Energie udn Wärme AG (BEW) beweist nicht, dass Berlin auf Kurs zur Klimaneutralität ist. Er zeigt vielmehr, wie dringend die Hauptstadt eine politisch gesteuerte Wärmewende braucht – mit realistischen Annahmen zum Wärmebedarf, verbindlichen Vorgaben für den Einsatz von Biomasse und Wasserstoff, einem konsequenten Ausbau verbrennungsfreier Wärmequellen und einem belastbaren Pfad zu einer bezahlbaren, sozial gerechten und klimaneutralen Wärmeversorgung.

Matthias Krümmel, Referent für Klimaschutzpolitik des BUND Berlin, erklärt dazu: „Der Dekarbonisierungsfahrplan ist letztlich ein lauter Ruf nach politischer Rahmung. Die BEW plant heute mit Annahmen über Sanierungsraten, Biomasseverfügbarkeiten, Wasserstoffoptionen und zukünftige Verbrennungskapazitäten, die sie selbst nicht steuern kann. Genau deshalb braucht ein landeseigenes Unternehmen klare politische Leitplanken. Ohne sie droht aus Erdgas, Müllverbrennung, Biomasse und Wasserstoff keine Wärmewende, sondern lediglich die nächste Generation der Berliner Verbrennungswirtschaft.“

Diesen Donnerstag (11. Juni, ab 9 Uhr) beschäftigt sich der Umweltausschuss des Abgeordnetenhauses in einer Anhörung mit der Zukunft der Fernwärme

Erläuterungen

Der neue Dekarbonisierungsfahrplan der Berliner Energie und Wärme GmbH (BEW) zeigt weniger einen belastbaren Weg zur klimaneutralen Fernwärme als vielmehr die Grenzen einer Wärmewende ohne klare politische Rahmensetzung. Bereits das Vorwort des Fahrplans ist in bemerkenswerter Weise ehrlich: Kritik an der großskaligen Biomasseverbrennung wird dort als „ideologisch“ abgewertet. Tatsächlich sprechen jedoch vor allem praktische, ökonomische und regulatorische Gründe gegen diese Technologie.

Denn die Annahme, Biomasse könne dauerhaft als klimaneutral angerechnet werden, steht zunehmend unter Druck. Auf europäischer Ebene wird die Klimabilanz biogener Brennstoffe immer kritischer bewertet. Gleichzeitig drohen steigende Kosten durch strengere Klimaschutzvorgaben und eine wachsende Konkurrenz um knappe nachhaltige Biomasseressourcen. Wenn BEW-CEO Christian Feuerherd erklärt, man verzichte „vorerst“ auf großflächige Holzverbrennung, beschreibt dies weniger eine strategische Entscheidung als eine technische Realität: Der BEW fehlen derzeit schlicht die klimaneutralen Wärmequellen, die eine Versorgungslücke kurzfristig schließen könnten.

„Vorerst“ bedeutet im Fahrplan konkret: neun Jahre.

Der Umbaupfad reicht im Wesentlichen nur bis 2035. Für die Zeit danach werden zentrale Fragen offen gelassen. Gleichzeitig hält sich die BEW über mehrere Szenarien die Möglichkeit offen, Biomasse, Biomethan und Bioöl künftig wieder deutlich stärker einzusetzen. Die vermeintliche Abkehr von der Holzverbrennung ist damit kein Ausstieg, sondern eine Vertagung.

Die eigentliche Botschaft des Fahrplans lautet: Berlin verfügt bislang weder über ausreichend politische Instrumente noch über ausreichend alternative Wärmequellen, um den Ausstieg aus der Verbrennungswirtschaft konsequent zu organisieren. Stattdessen werden zentrale Probleme in die Zukunft verschoben – verbunden mit der Hoffnung, dass die notwendigen Lösungen später verfügbar sein werden.

Erdgas bleibt zentrale Säule der Wärmeversorgung

Besonders problematisch ist, dass der neue Fahrplan den Ausstieg aus der fossilen Verbrennung nicht beschleunigt, sondern faktisch verlängert. Während Kohle ersetzt wird, bleiben Erdgas-Heizwerke und Erdgas-KWK-Anlagen auf Jahre hinaus wesentliche Leistungsträger des Systems. Erdgas wird damit weiterhin als Brückentechnologie behandelt – obwohl die Brücke immer länger wird.

Statt einen belastbaren Pfad zur vollständigen Klimaneutralität aufzuzeigen, ersetzt der Fahrplan einen fossilen Brennstoff durch andere Verbrennungsformen und verschiebt die eigentliche Transformationsaufgabe in die Zukunft.

Wasserstoff als Platzhalter statt klare Strategie

Ähnlich problematisch ist die Rolle des Wasserstoffs. Der Fahrplan hält sich verschiedene Optionen für einen späteren Wasserstoffeinsatz offen, ohne die entscheidenden politischen und infrastrukturellen Fragen zu beantworten.

Die zentrale Frage lautet nicht, ob Wasserstoff grundsätzlich eine Rolle spielen kann, sondern wofür. Aus heutiger Sicht spricht vieles dafür, Wasserstoff als knappe Ressource gezielt für industrielle Hochtemperaturprozesse, systemrelevante Reservekapazitäten und seltene Spitzenlastsituationen während kalter Dunkelflauten einzusetzen. Für die flächendeckende Wärmeversorgung von Gebäuden oder gar den Aufbau eines eigenen Wasserstoff-Verteilnetzes gibt es dagegen weder ausreichende Verfügbarkeiten noch eine überzeugende volkswirtschaftliche Begründung.

Wer heute Fernwärmestrukturen oder Kraftwerksstrategien auf erhebliche Wasserstoffmengen stützt, ohne gleichzeitig die dafür notwendige Infrastruktur, die Herkunft der Energieträger und deren Verfügbarkeit verbindlich zu klären, verschiebt politische Entscheidungen in die Zukunft.
Für die Berliner Wärmeversorgung sollte deshalb gelten: Wasserstoff ausschließlich als grüner Wasserstoff, kein Wasserstoff-Verteilnetz für die allgemeine Gebäudewärme, Vorrang für direkte Elektrifizierung durch Großwärmepumpen und Wasserstoff nur dort, wo er systemisch unverzichtbar ist – insbesondere für industrielle Anwendungen sowie seltene Spitzenlastsituationen während extremer Wetterlagen.

Unrealistische Sanierungsannahmen verzerren den gesamten Wärmebedarf

Besonders kritisch ist, dass der Dekarbonisierungsfahrplan auf Annahmen zur energetischen Gebäudesanierung aufbaut, die mit der Realität in Berlin kaum vereinbar erscheinen. Seit Jahren verharrt die energetische Sanierungsrate bundesweit und auch in Berlin bei etwa 0,6 bis 0,8 Prozent pro Jahr. Der Fahrplan kalkuliert dagegen mit deutlich höheren Sanierungsraten und entsprechenden Einsparungen beim Wärmebedarf.

Damit entsteht ein grundlegendes Planungsproblem: Wer von einer deutlich schnelleren energetischen Modernisierung des Gebäudebestands ausgeht, rechnet automatisch mit geringeren zukünftigen Wärmelasten. Die erforderlichen Erzeugungskapazitäten, die Netztemperaturen und die Brennstoffmengen erscheinen dadurch kleiner, als sie unter realistischen Bedingungen tatsächlich sein werden.

Die Folge ist ein systematisches Schönrechnen der Dekarbonisierung. Bleiben die Sanierungsraten auf dem heutigen Niveau, müssen deutlich größere Wärmemengen bereitgestellt werden. Damit steigen auch die Anforderungen an Fernwärmenetze, Speicher, erneuerbare Wärmequellen und Reservekapazitäten. Der tatsächliche Bedarf an klimaneutralen Wärmequellen wäre erheblich größer, als der Fahrplan suggeriert.

Gerade hierin zeigt sich exemplarisch das Fehlen einer politischen Rahmung. Ein landeseigenes Wärmeunternehmen kann keine Gebäudesanierungspolitik betreiben. Wenn Berlin jedoch keine wirksamen Instrumente entwickelt, um die Sanierungsrate tatsächlich auf zwei Prozent oder mehr anzuheben, darf die Fernwärmeplanung nicht so tun, als sei dies bereits erreicht.

Ein Dekarbonisierungsfahrplan, der von realistischen Entwicklungen im Gebäudebereich ausgeht, würde anders aussehen. Er würde die Versorgungslücke offener benennen, höhere Anforderungen an die Wärmebereitstellung ausweisen und den politischen Handlungsdruck wesentlich deutlicher sichtbar machen.

Müllverbrennung bleibt Dauerlösung statt Übergangstechnologie

Auch bei der thermischen Abfallverwertung zeigt sich der Widerspruch zwischen Anspruch und Realität. Die Berliner Zero-Waste-Strategie verfolgt das Ziel, Abfälle zu vermeiden, wiederzuverwenden und hochwertig zu recyceln. Der Fahrplan der BEW schafft dagegen langfristige Wärmebedarfe, die nur durch eine kontinuierliche Müllverbrennung gedeckt werden können.

Insbesondere am Standort Klingenberg droht damit die Verfestigung einer Infrastruktur, die dauerhaft auf hohe Verbrennungsmengen angewiesen ist. Statt die Abhängigkeit von Müllverbrennung schrittweise zu reduzieren, wird sie als feste Säule der Wärmeversorgung eingeplant. Gleichzeitig werden zusätzliche Verbrennungskapazitäten vorbereitet, obwohl die Berliner Klima- und Kreislaufwirtschaftsziele eigentlich in die entgegengesetzte Richtung weisen.

Wer Müllverbrennung dauerhaft als unverzichtbare Wärmequelle einplant, schafft strukturell einen Bedarf an brennbarem Abfall. Das steht im Widerspruch zu den Zielen einer modernen Kreislaufwirtschaft.

Biomasse bleibt der Joker nach 2035

Besonders deutlich wird das strategische Dilemma bei der Biomasse. Der Fahrplan selbst macht sichtbar, dass die BEW nach 2035 weiterhin auf erhebliche Mengen biogener Brennstoffe setzt. Bis zu 15 Prozent der Berliner Fernwärme könnten perspektivisch aus Biomasse, Biomethan und Bioöl stammen.

Diese Mengen stehen jedoch weder nachhaltig noch konfliktfrei zur Verfügung. Zudem ignoriert die Planung, dass Holz und andere Biomasseressourcen zunehmend für stoffliche Nutzungen, den Biodiversitätsschutz und die Stabilisierung von Waldökosystemen benötigt werden.

Hinzu kommt ein regulatorisches Risiko: Die politische und rechtliche Sonderstellung der Biomasse als vermeintlich klimaneutraler Energieträger steht zunehmend zur Debatte. Wer heute langfristige Wärmestrategien auf umfangreiche Biomassemengen aufbaut, geht erhebliche Kosten- und Planungsrisiken ein.

Die rechtlich zulässige Obergrenze für Biomasse im Wärmeplanungsgesetz darf deshalb nicht zur politischen Zielgröße werden.

Wärmewende ist Daseinsvorsorge

Der Fahrplan macht vor allem eines deutlich: Berlin benötigt endlich eine politische Strategie für eine klimaneutrale Wärmeversorgung.

Ein warmes Zuhause, das sich Menschen leisten können, ist Daseinsvorsorge. Klimaschutz ist ebenfalls Daseinsvorsorge. Beides darf nicht von der Verfügbarkeit immer neuer Brennstoffe abhängen.

Statt die Verbrennungswirtschaft schrittweise durch andere Brennstoffe zu verlängern, muss die Politik die Voraussetzungen für eine weitgehend verbrennungsfreie Wärmeversorgung schaffen.
Dazu gehören:
 

  • eine Haushaltspolitik, die langfristige Investitionen in klimaneutrale Wärmeinfrastruktur ermöglicht,
     
  • eine Regulierung der Fernwärme, die Dekarbonisierung, Transparenz und Bezahlbarkeit gleichermaßen absichert,
     
  • eine ambitionierte und sozial gerechte Sanierungsstrategie für den Gebäudebestand,
     
  • eine gezielte Förderung von Großwärmepumpen, Tiefengeothermie, Abwasserwärme, industrieller Abwärme, Wärmespeichern und Power-to-Heat,
     
  • klare Regeln für den Einsatz von Wasserstoff mit Vorrang für direkte Elektrifizierung,
     
  • sowie eine sozialverträgliche Ausgestaltung der Wärmewende insgesamt, damit die Kosten der Transformation nicht auf die Berliner Haushalte abgewälzt werden.
     
  • Öffentliche Verantwortung institutionell absichern
     

Die Diskussion um den Dekarbonisierungsfahrplan macht zugleich deutlich, dass die derzeitige Governance-Struktur der Berliner Wärmeversorgung an ihre Grenzen stößt. Die Wärmeversorgung ist eine zentrale Aufgabe der öffentlichen Daseinsvorsorge und muss langfristig nach Gemeinwohlkriterien gesteuert werden.

Deshalb sollte Berlin prüfen, die BEW perspektivisch in eine Anstalt öffentlichen Rechts (AöR) zu überführen. Eine solche Organisationsform würde die öffentliche Verantwortung für Klimaneutralität, Versorgungssicherheit, soziale Verträglichkeit und langfristige Infrastrukturplanung stärker absichern.

Eine öffentliche Wärmeversorgung darf nicht primär von Brennstoffstrategien ausgehen, sondern von den Zielen Versorgungssicherheit, Bezahlbarkeit, Klimaneutralität und sozialer Gerechtigkeit. Die Wärmewende ist keine gewöhnliche Unternehmensstrategie, sondern eine öffentliche Gestaltungsaufgabe.

Kontakt:
 

Matthias Krümmel, Referent für Klimaschutzpolitik BUND Berlin, 030-78 79 00-63, kruemmel(at)bund-berlin.de
 

Zur Übersicht

BUND-Bestellkorb