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BUND Landesverband Berlin

„Es gibt heute mehr Geigenbauer als Berufsimker“

Annette Mueller, 36, studierte Psychologie und BWL und arbeitete in den USA in der Geschäftsfeldentwicklung und in Berlin als Marketingleiterin einer Internetfirma. Zusammen mit Jemi Lehmann gründete sie 2010 die Berliner Bärengold GmbH, eine Honigmanufaktur, um unter dem Label BerlinerHonig Imkereiprodukte von mehr als 50 Imkern aus der Hauptstadt zu vertreiben. Wenn sie sich gerade nicht um die Honigvermarktung kümmert, sieht sie nach ihren 20 eigenen Bienenvölkern und probiert Honigrezepte aus. Foto: Andreas Krone

Annette Mueller, Gründerin der Manufaktur "BerlinerHonig" und selbst leidenschaftliche Imkerin, über ihre Anforderungen an guten Honig, die Bienenzucht im urbanen Raum und die Grundlagen des Berliner Honigs 

Der Winter 2013 war besonders lang. Droht jetzt ein mageres Honigjahr?

Für die Bienen ist Schnee eigentlich gut, denn ein trockener Winter beeinträchtigt die Nektarproduktion der Pflanzen. Die Kälte macht auch nichts, nur abrupte Temperaturwechsel stellen ein Problem dar, weil bei hohen Temperaturen die Königin Brut legt, diese aber bei niedrigen Temperaturen erfrieren und verhungern kann.

Wann fängt das Berliner Bienenjahr an?

Im April. Die Frühjahrsblüher liefern mit ihren Pollen erst einmal das nötige Eiweiß für die die Larven. Dann kommen die Obstblüten aus den Kleingärten: Apfel, Kirsche, Pflaume. Auch der Ahorn blüht Ende April, Anfang Mai folgen die Rosskastanien. Robinien, die auch falsche Akazien genannt werden, blühen ab Anfang Juni. Die Linde folgt kurz danach ab Mitte Juni für mindestens sechs Wochen. Zeitgleich mit den Linden kommt der Honig vom Götterbaum an die Reihe. Dessen Blüten riechen sehr streng, aber die Bienen lieben sie, und der Honig ist sehr aromatisch. Dazu kommen Kräuter und Balkonpflanzen als Standardzutaten des Berliner Honigs. Und Vergissmeinnicht. Wenn die nicht im Honig sind, kann er nicht aus Berlin stammen, sagen einige Experten. Anfang August ist die Saison im Wesentlichen zu Ende.

Was unterscheidet die Stadtimkerei von der Landimkerei?

In beiden Umwelten sollte ein gutes Imkern möglich sein. Angesichts der Raps- und Maismonokulturen und der ganzen Spritzerei macht das Imkern auf dem Land leider nicht mehr so viel Spaß. Dennoch gibt es natürlich sehr schöne Regionen auf dem Land. Es funktioniert, wenn die Struktur kleinteilig ist, wenn du nicht umgeben bist von einer einzigen Anbauart. In der Stadt aber spritzt niemand, es gibt keine Monokulturen, dafür aber eine große Vielfalt von Bäumen. Für Bienen und Imker im wahrsten Sinn des Wortes ein gefundenes Fressen. Deshalb kommen auch die Landimker so gern nach Berlin.

Ist es bei Monokulturen nicht einfacher, Massentrachten zu finden?

Na ja, erst mal muss man ein schönes Rapsfeld finden, wo der Bauer nicht spritzt. Und dann ist das nur attraktiv für Imker, die mit ihren Bienenvölkern systematisch wandern. Denn wenn man nicht mit den Bienen wandert, finden sie – wenn das Rapsfeld abgeerntet ist – in der Umgebung keine weitere Nahrung und verhungern, schließlich gibt es dort kaum mehr Randstreifen, Wiesen und Kräuterfelder. Und wer wandert? Die Berufsimker. Von denen gibt es etwa noch so viele wie Geigenbauer.

Funktioniert Bienenhaltung auch in den Innenstadtbezirken, etwa auf dem Balkon?

Klar, aber ich rate dazu, immer die Nachbarn um Erlaubnis zu fragen. Unproblematisch ist das bei Dachterrassen, weil die Bienen dann direkt nach oben starten. Wenn man sie auf dem Balkon hält, brauchen sie etwa zwei Meter in der Breite, bevor ihre Flugroute nach oben abknickt. Unsere Imker halten Bienen teilweise im Innenhof, manche aber auch in der Wohnung, direkt am Fenster.

Enthält der Großstadthonig auch Gifte, etwa Feinstaub?

Es ist kaum eine Großstadt so grün wie Berlin mit seinen innerstädtischen Wäldern, Straßenbäumen und Parks, das kommt auch den Bienen zugute. Außerdem funktioniert die Biene wie ein kleiner Katalysator. Beim Transport in der Honigblase und bei der Übergabe im Bienenstock wird der Nektar gefiltert. Der Nektar sitzt sehr tief in der Blüte und ist damit auch vor Verunreinigungen geschützt. Und man stellt seine Bienenstöcke ja auch nicht direkt neben der Stadtautobahn auf.

Wie bekommt man in den kleinteiligen Stadtstrukturen, wo alles Mögliche nebeneinander wächst, Honig von einer einzigen Blütensorte?

Das schafft man nur beim Lindenhonig, weil es hier so viele Linden gibt. Unsere anderen Produkte heißen deshalb nur „Berliner Frühling“ und „Berliner Sommer“. Die Honigkäufer sind allerdings auf den Sortenhonig konditioniert, schließlich kauft die Lebensmittelindustrie massenhaft Honig aus Monokulturen in Südamerika oder China ein, um daraus einen Honig zu mixen, der immer gleich aussieht und schmeckt. Aber warum sollte man die Trachtauswahl steuern? Für Berlin ist die Pflanzenvielfalt nun einmal charakteristisch. Und wie der Wein schmeckt der Honig jedes Jahr ein bisschen anders. Für die Qualität ist viel wichtiger, dass die Imker sauber arbeiten: alles hygienisch einwandfrei halten, nicht vor Ende der Saison Zuckerlösung zufüttern und die Varroa-Milbe nicht mit Chemikalien bekämpfen.

Wie viele Bienen verträgt die Stadt?

Die Situationen, in denen sie sich gegenseitig Futterkonkurrenz machen, sind sehr überschaubar. Eine gewisse Dichte ist im Gegenteil sogar für die genetische Zusammensetzung gut, weil dann fremde Drohnen die Königinnen begatten. Grundsätzlich haben wir nicht zu viele, sondern zu wenige Bienen.

Wie viel Mensch verträgt die Biene?

Die Bienen sind momentan auf den Menschen angewiesen. Eine effektive Varroa-Vorsorge ist lebensnotwendig für die Bienen. Leider kommt aber auch schon mal Vandalismus vor, also dass Jugendliche zum Spaß Bienenstöcke umkippen.

Und wie sieht es mit Fressfeinden in der Stadt aus?

Ein gesundes Bienenvolk kann sich eigentlich ganz gut verteidigen, es sind immerhin ein paar Zehntausend Mädels mit Giftstachel. Nach einem schlechten Sommer kann ein Volk aber geschwächt sein, so dass sein Honig für andere Bienenvölker oder für Wespen und Ameisen interessant wird. Vor größeren Tieren wie Waschbären und Füchsen schützt man sich, indem der Bienenstock auf Paletten steht und mit Steinen beschwert ist. Gegen Mäuse helfen Gitter.

Angenommen, man wollte durch die Standortwahl Einfluss darauf nehmen, welchen Honig die Bienen liefern: Bleiben sie denn dort, wo man sie rauslässt?


Sie könnten schon acht, neun Kilometer und weiter fliegen, das tun sie aber nur, wenn sie unbedingt müssen. Warum auch? Das kostet sie ja nur unnötig Energie, sprich Honig. Für den Hobbyimker spielt es nicht so eine große Rolle wann welcher Honig zu ernten ist, seine Bienen holen sich eben den Nektar, wie sie wollen. Für Berufsimker sind die Bienen aber Nutztiere, deren Ertrag sich mit einer systematischen Standortwahl vergrößern lässt. Was man aber im urbanen Bereich beachten muss: Es reicht nicht, die Stöcke ein paar Meter umzustellen, es muss schon mehr sein, sonst fliegen die Bienen die alten gelernten Wege. Neben der Frage, wo man die Bienenvölker positioniert, ist es für die Beschaffenheit des Honigs mindestens so wichtig, den Zeitpunkt der Ernte gut abzupassen. Dafür braucht man Erfahrung und Fingerspitzengefühl. Erntet man zu früh, ist der Wassergehalt im Honig zu hoch. Das bedeutet: Der Honig ist zu flüssig und fängt ein paar Monate später an Blasen zu werfen und vor sich hin zu gären. Der Wassergehalt kann sehr hoch sein, wenn es im Frühjahr viel geregnet hat. Andererseits kann man das Ernten nicht ewig hinauszögern, sonst bringen die Bienen keinen neuen Honig. Das ist wie bei uns Menschen: Wenn der Kühlschrank voll ist, gehen wir nicht einkaufen. Indem wir den Honig rausnehmen, motivieren wir die Bienen dazu, weiterhin auszufliegen und Blüten zu bestäuben.

Wie erkennen Imker den richtigen Zeitpunkt für die Ernte?

Wenn eine Wabe mit Wachs verdeckelt ist, wissen wir, dass der Honig fertig ist. Und wenn eine Wabe nicht verdeckelt ist, kann man die sogenannte Spritzprobe machen: Wenn der Honig nicht raustropft, ist er zäh genug und hat genügend Wasser verloren.

Was raten Sie Leuten, die mit dem Imkern anfangen wollen?

Sich einen erfahrenen Imker oder Imkerin zu suchen und mitzumachen. So bekommt man ein Gefühl für die Bienen. Außerdem gibt es tolle Imkerkurse, die einem Neuling gutes Fachwissen geben. Wenn man sich dann entschieden hat, sollte man mit mindestens zwei Bienenvölkern anfangen. So kann man leicht Verluste ausgleichen. Wenn man durch den strengen Winter Bienenvölker verliert, kann man Nachwuchsvölker bilden, sogenannte Ableger. Dazu nimmt man eine bestiftete Wabe (eine mit Larven) und Bienen und hängt sie mit einer Honigwabe und Pollen in einen anderen Bienenkasten. Die Arbeitsbienen füttern dann Larven mit dem Futtersaft Gelée Royale, um eine neue Königin heranzuziehen. Nach einem Monat und der erfolgreichen Begattung durch die männlichen Bienen, die Drohnen, legt die neue Königin dann neue Eier (Stifte). Die sind sehr schmal, sie entsprechen dem Drittel einer Stecknadel. Es gibt auch Königinnen im Handel, aber nicht immer akzeptieren die Bienen eine neu zugesetzte Königin. Generell brauchst du für die Imkerei einen klaren Kopf. Wenn man gerade einen neuen Job hat oder plant, im Sommer länger in den Urlaub zu fahren, ist vielleicht nicht der beste Zeitpunkt für den Einstieg.

Kann die Imkerei mehr als ein Hobby sein?

Um davon zu leben, braucht man 100 bis 200 Bienenvölker. Viel hängt von der Arbeitsweise des Imkers ab. In der Schwarmsaison muss man einmal in der Woche das Bienenvolk durchschauen. Das ist harte Arbeit und kann pro Volk bis zu 30 Minuten dauern. Pro Tag schafft man oft nicht mehr als 100 Völker. Für mehr Völker bräuchte man qualifizierte Angestellte. Mit den niedrigen Honigpreisen der Hersteller aus Südamerika, China oder auch der Riesenimkereien in Nordamerika können die Imker hier nicht konkurrieren. Dort haben die größten Imker 50.000 Völker, in Deutschland sind 2.000 Bienenvölker das Maximum.

Wenn die Preiskonkurrenz mit dem Importhonig ausgeschlossen ist, welche Nische bedient dann BerlinerHonig?

Immer mehr Leute wollen wissen, woher ihr Essen kommt. Wir liefern Qualitätshonig aus der Region, der mehr kostet als der Discounterhonig. Vor zwei Jahren haben wir angefangen, den Honig von fünf Imkern abzufüllen. Mittlerweile vertreiben wir mit den Marken BerlinerHonig und Bärengold den Honig von fünfzig Imkern, die meisten aus Berlin, ein paar aus Brandenburg und Sachsen. Wir haben letztes Jahr 20 Tonnen Honig abgefüllt, das sind etwa 130.000 Gläser. Damit sind wir zwar der größte Anbieter von Berliner Honig, aber die konventionellen Anbieter füllen bis zu 40 Tonnen am Tag ab. Wir verarbeiten den Überschuss von Hobbyimkern, die uns jeweils 100 oder 200 Kilo bringen. Und wir haben ein paar Berufsimker oder Imker auf dem Weg dorthin, die uns größere Mengen bringen. Insgesamt stammt unser Honig von rund 1.000 Bienenvölkern. 

Dieses Interview erschien in der BUNDzeit 2013-2

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