BUND Landesverband Berlin

„Fassadenbetierung sollte Standard sein“

20. Februar 2022 | Artenvielfalt, BUNDzeit-Artikel, Stadtnatur

Landschaftsarchitekt Thomas E. Hauck über Bedürfnisse von Wildtieren in der Stadt, ästhetische Vorstellungen von Menschen und die Planungsmethode Animal-Aided Design

Thomas E. Hauck ist Landschaftsarchitekt. Zusammen mit Prof. Dr. Wolfgang W. Weisser von der TU München, Lehrstuhl für Terrestrische Ökologie, forscht er zu Animal-Aided Design. 2020 gründeten sie das Studio Animal-Aided Design um zu prüfen, ob sich Gestaltung mit Tieren in der Praxis realisieren lässt. Thomas Hauck leitet das Planungsbüro Polinna Hauck Landscape+Urbanism. Er hat zusammen mit Susann Ahn die Professur für Landschaftsarchitektur und Landschaftsplanung am Institut für Städtebau, Landschaftsarchitektur und Entwerfen an der Technischen Universität Wien inne. www.animal-aided-design.de

BUNDzeit: Seit Jahren reden wir über die Rückkehr der Wildtiere in die Stadt. Aber waren die Tiere wirklich weg?

Thomas E. Hauck: Nein, es ist nur ein Konstrukt aus dem klassischen dichotomen Denken der Moderne, dass Tiere in der Stadt nichts verloren haben. In der Stadtentwicklung des 19. Jahrhunderts war es sehr wichtig, hygienische Bedingungen herzustellen, und viele Tiere sind nun einmal Vektoren von Krankheiten. Das hat dazu geführt, dass auch Nutztiere verdrängt und beispielsweise Schlachthöfe an den Stadtrand verlagert wurden. Wildlebende Tiere hat man gar nicht oder als deplatziert im urbanen Raum wahrgenommen. Im westlichen Kulturverständnis ist die traditionelle Kulturlandschaft der Ort einer harmonischen Beziehung zwischen Mensch und Tier.

Sie haben Animal-Aided Design (AAD) maßgeblich mitentwickelt, was sich wörtlich mit „von Tieren unterstützte Gestaltung“ übersetzen ließe. Inwieweit können Tiere bei Architektur und Stadtplanung helfen?

AAD wendet sich als Methode an Architekt*innen und Planer*innen, die Biodiversität nicht unbedingt als Planungsziel haben. Die Idee ist, die Bedürfnisse von Tieren in die Gestaltung zu integrieren, aber nicht als eine Belastung, sondern als Inspiration und Bereicherung. Mit der Bezeichnung AAD spielen wir auf Computer-Aided Design (CAD) an. AAD soll helfen, Habitate für wildlebende Tiere dort herzustellen, wo derzeit keine sind.

Auf welcher Ebene bewegen wir uns hier?

Das kann ein einzelnes Gebäude, ein Park oder Garten oder ein ganzes Viertel sein, in Berlin momentan das geplante Schumacher-Quartier am ehemaligen Flughafen Tegel. Da schauen wir, ob Lebensräume vernetzt sind, wie Hindernisse abgebaut werden können und welche städtebauliche Struktur für bestimmte Zielarten passt.

AAD berücksichtigt den gesamten Lebenszyklus der Tiere. Was bedeutet das genau?

In den verschiedenen Lebensphasen, etwa Brut, Überwinterung, Balz und Paarung, können die Bedürfnisse der Tiere unterschiedlich sein. Einen Nistkasten aufzuhängen, reicht nicht, wenn den Vögeln in der Umgebung die Nahrung fehlt. Man muss wissen, dass zum Beispiel Haussperlinge ihr Futter in der Regel nur in einem bestimmten Umkreis suchen. Wenn dort kein Futter vorhanden ist, funktioniert die Brut nicht. Man sollte alles mitbedenken, damit die Tiere ein gutes Leben haben können. Das reicht bis zu den Ausbreitungsmöglichkeiten, um keine ökologischen Fallen zu produzieren. Wenn ich ein Gewässer habe, in dem Brut stattfindet, aber abwandernde Tiere auf Straßen umkommen, wäre das nicht sinnvoll.

Welchen Arten machen Sie mit AAD ein Angebot?

Wir gehen vom regionalen Artenpool aus, den wir in einem Radius von 20 Kilometern ums Projektgebiet durch die Auswertung von Kartierungsdaten erfassen. Dann haben wir eine Merkmalsmatrix, die von ästhetischen Kriterien und der Wahrnehmbarkeit der Art über den Schutzstatus bis zur Kategorie „Nützlichkeit“ reicht. Am wichtigsten aber sind die biologischen Kriterien: Ist die Ansiedlung überhaupt möglich? Können wir die Habitatstrukturen bereitstellen? Ein einfaches Beispiel: Wenn es am Planungsort nicht möglich ist, Wasser bereitzustellen, kann ich nicht mit Amphibien planen. Mit den ermittelten potenziellen Zielarten gehen wir zu den Auftraggeber*innen, die im besten Fall einen breiten Partizipationsprozess starten, in eine Art Multi-Spezies- Quartiersentwicklung. Am Ende leben dort Menschen mit den Tieren zusammen, was nicht immer unproblematisch ist. Da gibt es Bedenken und Ängste, etwa vor Spinnen oder verschmutzten Fassaden.

Welche Zielarten hätte AAD in einem typischen Berliner Altbauquartier?

Auf jedem Fall Mauersegler und die typischen Fledermausarten, außerdem Haussperlinge, Hausrotschwanz, Meisenarten, Turmfalke, Star, eventuell Schwalbenarten, Dohlen und Wildbienen, wenn Wasser in der Nähe ist auch Libellen. An der innerstädtischen Spree ist natürlich der Biber eine spannende Zielart. Der wird sich dort nicht ansiedeln, aber man könnte das Ufer als Rastplatz gestalten.

Sind die nötigen Änderungen an der Infrastruktur aufwendig?

Eher nicht. Die Maßnahmen an den Häusern für Wandbetierung, wie wir integrierte Quartiere für Fledermäuse und bestimmte Vogelarten nennen, sind recht einfach. In den Freiflächen neben den Häusern ist es schwieriger, dort benötigen wir für viele Tierarten Pflanzen, die symbolisch für Verwahrlosung stehen. Die ästhetischen Vorstellungen vieler Menschen sind stark von Sauberkeit geprägt, es soll gepflegt aussehen. Tiere haben andere Bedürfnisse. Zum Beispiel der Igel, der braucht Laub und andere Vegetationsreste, gern auch mal im Haufen aufgeschichtet. Deswegen ist es wichtig, die Menschen miteinzubeziehen. Man muss sprechen, überzeugen und Verbündete finden. Und es ist mehr möglich, als man glaubt, denn es gibt ein großes Bedürfnis nach Naturerleben im nahen Umfeld. Das hat auch mit Umweltgerechtigkeit zu tun, schließlich können nicht alle aus der Stadt rausfahren.

Welche Maßnahmen nutzen möglichst vielen Arten?

Richtig gemachte extensive Dachbegrünung mit Totholz, Anhügelungen und Substrataufbau mit einer Tiefe von mindestens zwölf Zentimetern, weil in trockenen Sommern sonst das Bodenleben abstirbt. Das sollte Standard sein, ebenso die Fassadenbetierung und bodengebundene Fassadenbegrünung. Und natürlich Maßnahmen gegen Vogelschlag. Wir sagen zu den Auftraggeber*innen immer: Bevor ihr Wohltaten für Tiere plant, sorgt erst einmal dafür, dass ihr sie nicht umbringt! Gerade bei Bürogebäuden sind die für Vögel gefährlichen großflächigen und oft spiegelnden Glasfassaden ein Symbol für innovative Architektur.

Bietet die Verkehrswende neue Chancen für Wildtiere in der Stadt?

Ich hoffe, dass der städtische öffentliche Raum künftig gerechter aufgeteilt wird, sodass wir mehr Bäume und generell mehr Grün in die Städte bekommen – und dabei nicht allein auf die klimatischen Effekte, sondern auch auf die Artenvielfalt schauen. Die Synergien sind offensichtlich. Daher muss man bei der Umgestaltung der Verkehrsflächen überlegen: Welche Bäume pflanzt man? Wie legt man Versickerungs- und Verdunstungsflächen an? Wie vernetzt man Habitate und baut Barrieren ab? Wir haben im Straßenraum ein großes Potenzial für Biodiversität.

Wo können wir AAD in der Praxis erleben?

Ein seit Kurzem bewohntes Neubauviertel in München- Laim konnten wir wildtierfreundlich gestalten. Darüber hat der Bayrische Rundfunk eine Dokumentation gemacht.

Das Interview führte Sebastian Petrich, es erschien in der BUNDzeit 2022-1. Mehr zum Titelthema „Wildtiere“:
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