BUND Landesverband Berlin

Jagen statt einzäunen

15. Februar 2022 | Artenvielfalt, BUNDzeit-Artikel, Massentierhaltung, Landwirtschaft

Seit über einem Jahr wütet die Afrikanische Schweinepest in Brandenburg. Die Versuche, die Seuche mit Zäunen aufzuhalten, sind gescheitert. Jetzt hilft nur noch eines: Die Wildschweinpopulation muss deutlich kleiner werden.

Schwäche, Appetitlosigkeit, Fieber, Durchfall, Husten, Blutungen: Für Haus- und Wildschweine ist die Afrikanische Schweinepest (ASP) hoch ansteckend und in den meisten Fällen nach spätestens einer Woche tödlich. Übertragen wird die Krankheit von Schwein zu Schwein, über Zecken sowie über Ausscheidungen und Kadaver. Für Menschen dagegen ist die ASP ungefährlich. Eine Ansteckungsgefahr besteht nicht und der Verzehr von infizierten Haus- und Wildschweinen ist völlig unbedenklich. Seit die Tierseuche Mitte 2020 ihren Weg über Polen nach Deutschland fand, fielen ihr über 3.100 Wildschweine zum Opfer, die meisten von ihnen in Brandenburg und Sachsen.

Um eine Einwanderung infizierter Wildschweine und vor allem ein Übergreifen auf Hausschweinbestände zu verhindern, ließen die Landesregierungen von Brandenburg, Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern einen massiven Wildtierzaun entlang der Grenze zu Polen bauen. Im Herbst 2021 entstand etwas weiter westlich eine zweite Zaunreihe, der Zwischenraum soll ein wildschweinfreier Korridor werden. Geholfen haben diese Maßnahmen wenig, der Virus breitet sich weiter in Richtung Westen aus und erreichte die ersten Schweinemastanlagen. In Brandenburg infizierten sich mittlerweile drei Hausschweine kleinerer Betriebe, über 200 wurden vorsorglich getötet.
Die erste Infektion in der Massentierhaltung trat Mitte November auf – im Landkreis Rostock, rund 200 Kilometer von der polnischen Grenze entfernt. Wie das Virus in den Stall mit den über 4.000 mittlerweile gekeulten Mastschweinen gelangen konnte, ist noch unklar, ein direkter Kontakt mit einem infizierten Wildschwein dürfte jedoch ausgeschlossen sein. Auf natürlichem Weg verbreitet sich die Seuche jährlich nur rund 20 Kilometer. Damit treten nun die mit Menschen verbundenen Ausbreitungswege der ASP in den Vordergrund.

Risikofaktor Wurstbrot

Das langlebige Virus kontaminiert alles, was mit einem infizierten Tier in Berührung kommt: das Erdreich und infolgedessen die Schuhe von Waldspaziergänger*innen, vor allem aber Wurst- und Fleischwaren. In tiefgefrorenem Schweinefleisch überlebt der ASP-Erreger fast drei Jahre. Ein am Rastplatz achtlos weggeworfenes Wurstbrot, das später von einem Wildschwein verzehrt wird, trägt genauso zur Verbreitung bei wie Fleischreste, die an Hausschweine verfüttert werden.

Da nun wie im Dezember im mecklenburgischen Landkreis Ludwigslust immer mehr Fälle fernab der polnischen Grenze gemeldet werden, erscheinen die errichteten Wildtierzäune als ASP-Barriere obsolet. Leider hat sich die Befürchtung des BUND, der Zaun werde sich wie sein Pendant an der dänischen Grenze als tödliche Falle für andere Wildtiere erweisen, bestätigt. So hatte der RBB schon Anfang 2021 verletzte Rehe dokumentiert. Auch für streng geschützte Arten wie Biber, Otter, Wolf, Wisent und Elch stellt der Zaun ein Hindernis und eine potenzielle Gefahr dar. Der BUND fordert daher, den Zaun an der Oder abzubauen. Stattdessen sollte der Maisanbau, der maßgeblich für das starke Wachstum der Wildschweinpopulationen der letzten Jahre verantwortlich ist, in den Regionen mit ASP-Infektionen stark reduziert werden.

Vor allem aber ist die Jägerschaft gefragt. Die Politik sollte die Jäger*innen ermutigen, auch mit Drückjagden, bei denen die Jagenden das Wild möglichst langsam in Richtung der Schütz*innen bewegen, um diesen einen sicheren Schuss zu ermöglichen, und dem Abschuss von Bachen den Wildschweinbestand zu verkleinern. Wildfütterungen, sogenannte Kirrungen, müssen sofort aufhören. Dies dürfte sich als wesentlich effektiver und für gesunde Wildtierpopulationen dienlicher erweisen, als immer wieder mit neuen Zäunen die Interessen der Fleischindustrie zu schützen. Denn diese wurde von der Tierseuche deutlich beeinträchtigt: Mit China hat der weltgrößte Abnehmer von Schweinefleisch den Import aus Staaten mit ASP-Fällen verboten.

Ergänzender Hinweis in der Online-Ausgabe: Als BUND sehen wir in dem Bejagen der Wildschweine nur eine akute Notlösung, weil die Ausbreitung der ASP weit mehr Qualen für deutlich mehr Wildschweine mit sich brächte.

Dieser Artikel erschien in der BUNDzeit 2022-1. Mehr zum Titelthema „Wildtiere“:
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