Wölfe gucken gehen

18. Februar 2022 | Artenvielfalt, BUNDzeit-Artikel, Naturerleben

Der Wildpark Schorfheide beherbergt fast alle größeren Wildtiere, die in unserer Region leben oder leben könnten.

Stromhäuschen in Groß Schönebeck auf dem Weg in den Wildpark Schorfheide

Die erste Attraktion wartet vor dem Eingang, etwa sechs Meter über dem Boden auf einem Ast, zusammengerollt wie eine schlafende Katze. Nur mit Mühe ist zu erkennen, wo der Schwanz ist und wo der Kopf. Für einen Waschbär in die Schorfheide fahren? Zwar konnten sich die Allesfresser mit dem Panzerknackerlook in den letzten Jahren in Berlin und Brandenburg stark ausbreiten – die Umweltsenatsverwaltung geht von derzeit rund 1.000 Exemplaren in der Hauptstadt aus, während in Brandenburg allein die Zahl der geschossenen Waschbären in der Jagdsaison 2019/20 bei über 36.000 lag –, doch in freier Wildbahn gesehen haben sie nur die wenigsten.

Als invasive Art ist der Waschbär jedoch die absolute Ausnahme im Wildpark Schorfheide in Groß Schönebeck. Die anderen Bewohner der bemerkenswert großen und naturnahen Gehege repräsentieren genau diejenigen Großsäugetiere, die in Brandenburg vorkommen beziehungsweise vorkommen würden, hätte man sie nicht ausgerottet oder ihre Habitate zerstört: Fischotter, Luchs, Wolf, Wisent, Mufflon, Elch, Wildschwein, Rot- und Damwild, Wildpferde (Konik, Exmoorpony und Przewalski), alte Haustierrassen (Heckrind, Englisches Parkrind, Wollschwein, Pommersches Landschaf). Es fehlen nur Biber und Wildkatze.

Nach der Begrüßung durch zwei Pyrenäenberghunde, die alle Besucher*innen durch den Zaun des Herdenschutzdemonstrationsgeheges misstrauisch abchecken, müssen wir eine Entscheidung treffen. Gehen wir den Rundweg im oder gegen den Uhrzeigersinn? Falls demnächst die Fütterungen der Luchse und Otter anstehen (11 bzw. 11:30 Uhr, sicherheitshalber aber vor Ort nachfragen), sollte man sich schleunigst gegen den Uhrzeigensinn zum Luchsgehege aufmachen, denn abseits der Fütterungen wird es schwierig, einen Blick auf die scheuen Raubkatzen mit den charakteristischen Pinselohren zu werfen. Mit maximal 9.000 Exemplaren in ganz Europa, davon rund 190 in Deutschland, gilt die Art als vom Aussterben bedroht. Den Luchsen im Wildpark Schorfheide kommt zur Arterhaltung eine wichtige Rolle zu; mehrere hier geborene junge Luchse wurden in den letzten Jahren in den Wäldern im Nordwesten Polens ausgewildert. Dass die Tiere trotz täglicher Fütterung ihre Jagdinstinkte nicht verlieren, erfuhr der Wildpark auf schmerzliche Art. Als der Sturm „Xavier“ im Herbst 2017 den Zaun ihres Geheges zerstörte, nutzten die damals vier Luchse die Gelegenheit zur Flucht. Eines der Tiere wurde schnell wieder eingefangen, ein zweites im Januar 2018. Die zwei anderen jedoch mussten auf dem Gelände des Wildparks erschossen werden, nachdem sie sechs Schafe und Mufflons in den Nachbargehegen gerissen hatten.

Für die Wölfe hingegen gibt es keine Auswilderungspläne. „Sie kämen da draußen nicht zurecht. Würden wir sie laufenlassen, ständen sie früher oder später an der nächsten Tankstelle um zu betteln“, erklärt der Tierpfleger während der Luchsfütterung. Für die Besucher*innen des Wildparks ist es wohl ein Glück, dass sich die hiesigen Wölfe anders verhalten als ihre Artgenossen in freier Wildbahn, denn diese zu sichten ist immer noch extrem unwahrscheinlich. Anders als die Luchse sind die Wölfe im Wildpark auch ohne öffentliche Fütterung gut zu beobachten. Was uns aus aufmerksamen Augen von der anderen Zaunseite aus mustert, ist ein mit der Außenwelt kommunizierendes Zootier, das heftig mit dem Schwanz wedelt, als eine Besuchergruppe mit Hund vorbeikommt. Als diese weg ist, wendet sich der Wolf mit treuherzigen Augen einer Besucherin zu, die gerade ein Käsebrot verzehrt. Die Ähnlichkeit mit einem bettelnden Hund ist frappierend – nützt dem Wolf aber wenig, er geht leer aus.

www.wildpark-schorfheide.de

Anfahrt: RB 27 von Berlin-Karow nach Groß Schönebeck (Zweistundentakt). Falls noch etwas Wartezeit bei der Rückfahrt überbrückt werden muss, empfiehlt sich ein Besuch im Jagdschloss Schorfheide fünf Fußminuten vom Bahnhof entfernt mit der Dauerausstellung „Jagd und Macht“.

www.schorfheide-museum.de

Dieser Artikel erschien in der BUNDzeit 2022-1. Mehr zum Titelthema „Wildtiere“:
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