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BUND Landesverband Berlin
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Natur erleben: Auf Bonnies Ranch

28. Oktober 2019 | BUNDzeit-Artikel, Flächenschutz, Immer.Grün, Stadtentwicklung, Naturerleben

Ausflugstipp: Von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt konnte sich auf dem Gelände der ehemaligen Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik ein besonderes Stück Stadtnatur entwickeln.

Hineinspaziert durch den Haupteingang und gleich rechts abgebogen in den Weg entlang des Zauns und schon stehen wir unter einer Reihe von beeindruckenden Eichen. Schon der erste von gut 50 Alleebäumen weist nicht nur einen imposanten Wuchs, sondern auch markante Höhlungen auf. Während sich auf der rechten, dem Zaun zugewandten Seite Eiche an Eiche reiht, breitet sich auf der linken Seite ein Mischwald mit Buchen, Hainbuchen und Eschen aus. Bemerkenswert sind aber nicht nur Bäume, sondern auch die Ruhe im Wald. Während sich an einem sonnigen Herbstsonntag im Grunewald Spaziergänger*innen und Wildschweine nahezu auf die Hufe treten, zeigt sich auf dem Gelände der ehemaligen Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik kaum eine Menschenseele.

Dass das rund 45 Hektar große Areal für die Allgemeinheit zugänglich ist, hat sich noch nicht besonders herumgesprochen. Dabei gibt es sowohl für botanisch wie auch geschichtlich Interessierte viel auf dem Gelände zu entdecken, auf dem 1880 Berlins erste „Irren- und Idiotenanstalt“ öffnete.

Den vielleicht besten Eindruck vermittelt ein Spaziergang gegen den Uhrzeigersinn entlang des Zauns (Startpunkt Eingang Oranienburger Straße direkt am U-Bahnhof Karl-Bonhoeffer- Nervenklinik). Folgen wir also der prächtigen Eichenallee. An der Anstaltskirche knickt der Weg nach links ab und führt an 80er-Jahre-Bauten vorbei, in denen psychisch erkrankte Häftlinge im Maßregelvollzug untergebracht sind, und stößt auf eine Freifläche vor dem nördlichen Ausgang des Geländes. Hier fällt eine große mehrstämmige Kiefer auf. Sie steht auf einer Trockenrasenfläche, auf der sich die als gefährdet eingestufte Trockengrasnelke ansiedeln konnte und die von imposanten Ahornen eingerahmt wird.

Totgeschwiegene Geschichte

Spätestens jetzt sollten wir aber einen Abstecher zu den verschiedenen Gebäuden im Inneren des Geländes unternehmen. Etwa zum zentral gelegenen Maschinenhaus, zum fast vollständig von Efeu umrankten Hauptverwaltungsgebäude – und zu Haus 10. Auf einer Etage des Krankenhausaltbaus erinnert die Dauerausstellung „Totgeschwiegen“ an die Verbrechen, die das Personal der damaligen „Wittenauer Heilstätten“ zwischen 1933 und 1945 an den Insass*innen verübten. Mindestens 3.000 psychisch erkrankte Menschen wurden hier selektiert und in Tötungsanstalten ermordet, über 4.600 starben in der Klinik. Als Todesursache notierten die Ärzt*innen, die nach 1945 größtenteils ungeschoren davonkamen, Krankheiten wie Lungenentzündung. Tatsächlich starben die Patient*innen aber an Hunger und überdosierten Medikamenten.

Bestattet wurden die hier Ermordeten in Massengräbern auf dem anstaltseigenen Friedhof. Offiziell ist er kein Friedhof mehr, weil ihn die damalige Klinikleitung 1995 entwidmen ließ. Außer einem Mauerfragment und den für Friedhöfe typischen Betonbrunnen erinnert nichts mehr an die hier Bestatteten. Wenn sich dies demnächst ändert und eine Gedenkstätte an die ermordeten Patient*innen eingerichtet wird, ist das auch ein Verdienst der Pfarrerin Irmela Orland, die seit 30 Jahren zu der totgeschwiegenen Geschichte der Klinik recherchiert. Mittlerweile hat der Friedhof einen ähnlichen Urwaldcharakter wie der ganze südliche Rand von Bonnies Ranch, wie das Gelände zu Westberliner Zeit in Anlehnung an den Namensgeber Karl Bonhoeffer genannt wurde.

Konkrete Rodungspläne gibt es für das Wäldchen nicht, dennoch setzt sich der BUND dafür ein, den Baumbestand samt der Biotopstruktur wie etwa rund um den eiszeitlichen Kodischteich im Rahmen eines ordentlichen Bebauungsplanverfahrens zu sichern. Wer einmal durch dieses Stück Stadtnatur spaziert ist, weiß warum.

Mehr zum Bebauungsplanverfahren und zum naturschutzfachlichen Wert des Geländes im BUND-Blog
Zur Ausstellung in Haus 10: www.totgeschwiegen.org

Dieser Artikel erschien in der BUNDzeit 19-4.

 

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