Foto: BUND Berlin/Nicolas Šustr
Berlin, 19. November 2025: Nach 118 Jahren wird in der Nacht zum 22. November der Linienbetrieb auf einem Teil der Straßenbahnstrecke der Linie 21 in der Boxhagener und Marktstraße an der Grenze von Friedrichshain und Rummelsburg zunächst ersatzlos eingestellt. Senat und Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) wollen die dringend nötige Grunderneuerung der Gleise auf dem rund 900 Meter langen Abschnitt nicht finanzieren.
Das ist insofern nachvollziehbar, da eigentlich die Linie 21 künftig auf einer Neubaustrecke durch die Sonntagstraße über den Bahnhof Ostkreuz geführt werden soll. Jedoch ist nach wie vor nicht absehbar, ob und wann die neue Strecke gebaut werden kann. Damit wird die Linie 21 auf derzeit unabsehbare Zeit unterbrochen sein. Eine Strecke, die inzwischen so viel Zuspruch hat, dass der angebotene 20-Minuten-Takt längst kein adäquates Angebot mehr ist.
Das ist eine Folge des nahezu beispiellosen Planfeststellungsdesasters für den Bau der rund 1,2 Kilometer langen Neubaustrecke über das Ostkreuz. Seit acht Jahren zieht sich bereits das Planfeststellungsverfahren. Kürzlich ist bekannt geworden, dass eine erneute, die fünfte (!) Auslegung der Planfeststellungsunterlagen vorgesehen ist.
Neben Fehlern In Lärmschutzfragen scheinen vor allem umfangreiche Bedenken der Feuerwehr bezüglich der zweiten Rettungswege im Brandfall ausschlaggebend für die Probleme zu sein. Diverse Oberleitungs-Sonderkonstruktionen sind erwogen und wieder verworfen worden. Es geht dabei unter anderem um die Frage, wie Stromüberschläge der Oberleitung auf Leiterwagen im Einsatzfall verhindert werden können.
Ob die Bedenken in diesem Umfang wirklich stichhaltig sind, ist nach Ansicht des BUND Berlin zweifelhaft. Anlass der Zweifel ist ein Feuerwehreinsatz am 25. Juli 2024 an der Ecke Invaliden- und Chausseestraße, als es um die Sicherung loser Fassadenteile ging. Auf den Fotos vom Einsatz ist zu erkennen, dass die Drehleitern zwischen den Oberleitungen nach oben gefahren worden sind. Der Fahrstrom ist in dem Bereich zentral aus der BVG-Leitstelle abgeschaltet worden.
Unabhängig von den konkreten Problemen bei dem Vorhaben scheint insgesamt das Prozessmanagement und die Projektleitung bei Straßenbahn-Neubaustrecken deutlich verbesserungswürdig. Es wäre wünschenswert, dass die geplante Umstrukturierung der BVG, in deren Zuge die Neubaustreckenplanung auch für die Tram bei der Tochter BVG Projekt GmbH angesiedelt werden soll, systematische Verbesserungen bei den Prozessen zur Folge hat. Berlin braucht viel zu lang, um neue Straßenbahnstrecken baureif zu bekommen. Was natürlich auch an einem schwach ausgeprägtem Gesamtinteresse der Berliner Politik und Verwaltung am Straßenbahnausbau liegt.
Dazu erklärt Tilo Schütz, Verkehrsexperte des BUND Berlin: „Die massiven Verzögerungen beim Straßenbahnausbau belasten Fahrgäste, aber auch die BVG stark. Statt leistungsfähige, komfortable und umweltfreundliche Verkehrsangebote schnell zu schaffen, müssen sich Verkehrsbetriebe und die Bevölkerung mit unbequemen, überlasteten und ineffizienten Busangeboten herumschlagen. Eine Straßenbahn kann von der Kapazität bis zu drei Gelenkbusse ersetzen, was knappes Fahrpersonal und Kosten sparen kann. Neue Tramstrecken wie zum Hauptbahnhof und auch weiter zur Turmstraße sorgen für erhebliche Fahrgastzuwächse und reduzieren den Autoverkehr. Berlin verliert wegen des extrem schleppenden Ausbaus des Straßenbahnnetzes an Lebensqualität und entfernt sich immer weiter von den dringlichen Zielen bei der Reduzierung der Treibhausgasemissionen im Verkehrsbereich.“
Kontakt:
Nicolas Šustr, Referent für Öffentlichkeitsarbeit BUND Berlin, 030-787900-14, sustr@bund-berlin.de


