Bauen im Grünen ist nicht geil für Berlin

19. Januar 2023 | Bauen, Bäume, Flächenschutz, Stadtnatur, Stadtentwicklung

Anstatt die riesigen Wohnungsbau-Potenziale im Bestand und auf bereits versiegelten Flächen zu heben, fokussiert sich der Stadtentwicklungssenator auf neue Siedlungen auf der Grünen Wiese.

Info 04/Berlin, 19.01.23: „Neubaugebiete um jeden ökologischen Preis auf der Grünen Wiese zur Linderung der akuten Wohnungsnot bauen zu wollen, aber das frühestens in zehn bis 15 Jahren – mit dieser verqueren politischen Logik muss endlich Schluss sein. Mit ihren Plänen für weitere neue Stadtquartiere auf Grün- und Freiflächen wollen Bausenator Andreas Geisel und seine SPD offenkundig vom Versagen ihrer Verwaltung ablenken, durch eine kluge und zielgerichtete Politik kurzfristig die Wohnungsbau-Potenziale im Bestand und auf bereits versiegelten Flächen zu heben und so tatsächlich zusätzlichen Wohnraum zu schaffen“, sagt Tilmann Heuser, Geschäftsführer des Umweltverbandes BUND Berlin.

Die mangelnde politische Prioritätensetzung lässt sich an den Genehmigungen für neue Wohnungen in Bestandsgebäuden ablesen, die sich seit 2015 fast halbiert haben. Wurden im Jahr 2015 noch 3.528 Wohnungen durch Umbau, Dachausbauten, Aufstockungen oder Umnutzungen bisher nicht für Wohnzwecke genutzter Gebäude genehmigt, waren es im Jahr 2021 nur noch 1.877 Wohneinheiten. Wäre die Zahl der Genehmigungen für neue Wohnungen in bestehenden Gebäuden in den letzten Jahren durch entsprechende politische Maßnahmen auf dem Niveau von 2015 geblieben, wären von 2016 bis 2021 knapp 6.500 Wohnungen mehr genehmigt und teilweise inzwischen auch gebaut worden – und damit mehr als in jedem neuen Stadtquartier.



„Von den Maßnahmen im Bestand nicht erfasst sind die riesigen Potenziale auf versiegelten Flächen, wo – ebenso wie bei der Entwicklung ökologischer und klimagerechter Konzepte für bereits bebaute Gebiete – nur bedingt ein konsequentes politisches Handeln erkennbar ist“, sagt Tilmann Heuser. Nur in sehr überschaubarem Umfang sei inzwischen die Wohnbebauung von Grundstücken mit Supermarkt-Flachbauten, den sogenannten Flachmännern, angelaufen.
„Zu begrüßen ist der Vorstoß der Linke, nun auch vergleichbare Schnellrestaurant-Flächen für den Geschosswohnungsbau nutzen zu wollen. Hier müsste der Blick jedoch geweitet werden – vor allem auf Fachmarkt-Grundstücke mit ihren riesigen Parkplatzflächen, die sowohl für zusätzliche Wohn- als auch Gewerbenutzungen prädestiniert sind. Hier müssten jedoch teilweise Flächennutzungs- und Bebauungspläne angefasst werden“, so der Geschäftsführer des BUND Berlin.

Welches Wohnungsbau-Potenzial entlang der Ausfallstraßen schlummert, zeigt das Beispiel Hamburg, auf das von der Berliner SPD ansonsten gerne verwiesen wird. Der Hamburger Senat geht entlang von sieben Magistralen vom möglichen Bau von 100.000 neuen Wohneinheiten aus. „Das böte die Chance für eine doppelte Innenentwicklung. Einerseits würden autogerechte Schneisen im Sinne der Mobilitätswende zurückgestutzt und durch zusätzliche Entsiegelung von Flächen und Sanierung von Beständen der klima- und menschengerechte Umbau der Stadt vorangetrieben“, sagt Tilmann Heuser.

„Während die Koalitionspartner von Grünen und Linke angesichts der Klimakrise die ökologischen Zeichen der Zeit erkannt haben und Neubauprojekte auf der Grünen Wiese in Frage stellen, halten Betonsenator Andreas Geisel und seine SPD, ebenso aber auch CDU und FDP an aus der Zeit gefallenen Siedlungsprojekten mit einem Realisierungshorizont irgendwann im nächsten Jahrzehnt fest. Es ist eine Verschwendung politischer Energie zum Schaden Berlins, die Bebauung von Flächen wie auf der Elisabethaue und in Späthsfelde vorantreiben zu wollen. Ganz abgesehen vom ökologischen Schaden müssen auch erhebliche Mittel für die komplett neu zu erstellende Infrastruktur-Erschließung dieser Gebiete aufgebracht werden, die besser im klimagerechten Umbau des Bestands angelegt sind. Sowohl der Wohnungsmangel als auch die konsequente energetische Sanierung der Gebäude müssen jetzt konsequent angegangen werden – nicht erst in fünf oder zehn Jahren“, so Heuser.

 

 

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