„Seltener reisen, aber länger bleiben“

Antje Monshausen, Leiterin der Arbeitsstelle Tourism Watch bei Brot für die Welt, über den Trend zur Drittreise, Arbeitsbedingungen in der Tourismusbranche und Instagramability als Kriterium der Reiseplanung

Antje Monshausen ist Diplomgeografin mit einem Begleitabschluss in Lateinamerikastudien. Seit 2012 verantwortet sie die Arbeit von Tourism Watch bei Brot für die Welt: www.tourism-watch.de; Foto: Hermann Bredehorst/Brot für die Welt

BUNDzeit: Welche wirtschaftliche Rolle spielt Tourismus weltweit und welche Trends konnten Sie vor Corona feststellen?

Antje Monshausen: Tourismus ist global für jeden zehnten Arbeitsplatz verantwortlich, 330 Millionen Jobs hängen direkt oder indirekt daran. Für jedes dritte Entwicklungsland ist Tourismus die Hauptdevisenquelle. Die Vor-Corona-Trends sind kurz gesagt: öfter, weiter, kürzer. Die Deutschen etwa reisen immer häufiger und weiter, während die Aufenthaltsdauer kürzer wird. Das hat Folgen. Auf wirtschaftlicher Ebene, weil ich auf kürzeren Reisen weniger Geld vor Ort lasse. Auf kultureller Ebene, weil ich weniger Zeit habe, mich auf Land und Leute einzulassen.

Wie viele der Bundesbürger*innen reisen überhaupt?

Nicht alle, sondern nur gut 75 Prozent, die anderen können oder wollen nicht, sei es aus gesundheitlichen oder wirtschaftlichen Gründen. Ich finde es erschreckend, dass einerseits immer mehr Menschen mehrmals jährlich verreisen, andererseits aber nicht alle Schüler*innen an Klassenfahrten teilnehmen können, weil den Eltern das Geld fehlt. Global gesehen ist Reisen ganz klar das Privileg einer ganz kleinen Minderheit: Nur ein Bruchteil der Weltbevölkerung ist jemals mit dem Flugzeug geflogen – gleichzeitig zählt eine kleine Elite zu den Vielfliegern. Zum Beispiel in Großbritannien: Dort ist ein Prozent der Bevölkerung für 20 Prozent der Flüge verantwortlich.

Welche Rolle spielt der inländische Tourismus in Deutschland?

Auch schon vor Corona war Deutschland das liebste Reiseziel der Deutschen, knapp 30 Prozent haben hier Urlaub gemacht. Weitere 60 Prozent reisen innerhalb Europas. Der interkontinentale Tourismus liegt im einstelligen Prozentbereich – vor Corona aber mit wachsender Tendenz.

In Deutschland sind etwa 60 Prozent der im Tourismus Beschäftigten dem Niedriglohnsektor zuzurechnen. Wie ist das in den klassischen Urlaubsländern des globalen Südens?

Sehr viel spielt sich im informellen Sektor ab. Denken wir an Strandverkäufer, Straßenhändlerinnen oder Taxifahrer. Die arbeiten in prekären Situationen ohne soziale Sicherung. In der jetzigen Corona-Krise sind sie ohne jeden Schutz. Aber selbst in internationalen Hotelketten gibt es eine starke Hierarchie, je weniger sichtbar die Menschen sind, desto schlechter die Arbeitsbedingungen – ganz besonders verstärkt Outsourcing diesen Trend: Reinigungskräfte, Zimmerservice, Sicherheitspersonal und sogar Rezeptionist*innen sind immer öfter bei Leiharbeitsfirmen beschäftigt. Damit sind sie leicht zu kündigen und haben kaum Chancen, sich gegen Ausbeutung zu wehren, weil sie um ihren Job fürchten müssen.

Viele Leute glauben, dass Individualtourismus weniger zu Ausbeutung und Umweltzerstörung beiträgt als Massentourismus. Stimmt das?

Das kann man so nicht sagen – beide Reiseformen haben Vor- und Nachteile: Backpacker*innen reisen sehr häufig äußerst budgetbewusst. Anderseits kaufen sie auf den lokalen Märkten. Eine große Hotelanlage importiert wiederum viele Speisen, um den internationalen Geschmack zu treffen. Andererseits kann ein großes Hotel den Abfall besser managen als eine kleine Dorfgemeinschaft, die plötzlich mit Backpacker*innen und ihren Hinterlassenschaften konfrontiert ist.

Wie wichtig ist die Digitalisierung für die Reisebranche?

Fast niemand möchte im Urlaub auf sein Handy verzichten. 90 Prozent der unter 40-Jährigen sagen, dass das Smartphone ihr wichtigster Reisebegleiter ist. Die Leute schauen auf den großen Plattformen nach, was für bestimmte Regionen empfohlen wird, und buchen ihre Hotels online. Während der Reise werden Fotos in Echtzeit gepostet – die Geodaten verraten genau, wo der beeindruckende Felsvorsprung steht. Was man da nicht sieht, ist die lange Schlange von Tourist*innen, die alle das gleiche Foto machen wollen. Die Instagramability – also die Aussicht, mit einem bestimmten Bild viele Likes zu bekommen – ist für jüngere Reisende mittlerweile ein Hauptkriterium für die Wahl des Urlaubsortes. Kein Wunder, dass das Internet voll ist mit Listen der „Zehn Orte, die man gesehen habe muss“. Solche Listen und Fotos verstärken den Trend, schnell mal über das Wochenende irgendwohin zu reisen. Das bringt den Leuten vor Ort fast nichts und ist für das Klima eine Katastrophe.

Was bedeutet das für die Spontaneität des Reisens?

Wenn ich beispielsweise nach Kambodscha will, buche ich schon zuhause den Guide für Angkor Wat und weiß dank TripAdvisor, dass ich in der nahegelegenen Provinzhauptstadt Siem Reap den Night Market entdecken und eine Fabrik für gebatikte Bio-T-Shirts besuchen möchte. Da ich auch das Busticket aus der Hauptstadt schon gebucht habe, bleibt keine Zeit mehr, etwas Unvorhergesehenes zu erleben, weil alle Ziele schon gesetzt sind.

Was muss sich im Tourismus ändern?

Auf der politischen Ebene wird es Zeit, dass der Preis für Produkte alle ökologischen und sozialen Kosten abbildet. Wichtig wäre dafür der Abbau klimaschädlicher Subventionen, die sich in Deutschland allein im Flugsektor auf jährlich zehn Milliarden Euro belaufen, und die Einführung eines starken Lieferkettengesetzes, das Unternehmen für Menschenrechtsverletzungen zur Verantwortung zieht. Auf der motivatorischen Ebene müssen wir weg von der Idee, es gehöre zu einem erfüllten Leben, New York gesehen zu haben. Dazu muss man nicht gleich das Fliegen verbieten, es wäre schon ein wichtiger Schritt, wenn die Flugwerbung im öffentlichen Raum verschwindet.

Also ein bisschen wie beim Rauchen?

Der Marlboro-Mann der Achtzigerjahre war noch ein Sexsymbol. Heute assoziiert man Rauchen eher mit den Folgen für Mensch und Umwelt. So funktioniert gesellschaftlicher Wandel und ich bin optimistisch, dass auch beim Reisen ein Umdenken einsetzen wird hin zu „seltener reisen und länger bleiben“.

Das Interview führte Sebastian Petrich. Es erschien in der BUNDzeit 2020-4.

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