BUND Landesverband Berlin
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Schwammstadt - Dezentrale Regenwasserbewirtschaftung

Berlin soll sich künftig durch unterschiedliche Maßnahmen der dezentralen Regenwasserbewirtschaftung mit Feuchtigkeit vollsaugen können wie ein Schwamm. Nur so werden wir den natürlichen Wasserkreislauf, der durch die starke Versiegelung in der Stadt gestört ist, wieder annähernd herstellen und uns für den Klimawandel wappnen können.

Der natürliche Wasserkreislauf

Das Wasser auf der Erde unterliegt einem ewigen Kreislauf aus Verdunstung, Niederschlag und Abfluss, dessen Motor die Sonne ist. Sie bringt das Wasser an Land und auf dem Meer zum Verdunsten. Auch Pflanzen geben bei Sonneneinstrahlung durch winzige Spaltöffnungen ihrer Blätter Wasserdampf an die Umgebung ab. Die feinen Wassertröpfchen bilden in der Atmosphäre Wolken, gelangen wenig später als Niederschlag zurück auf die Erdoberfläche und versickern im Boden. Ein Teil dieses Wassers wird von den Pflanzen direkt wieder aufgenommen, der andere Teil fließt allmählich unterirdisch oder über Bäche und Flüsse zurück ins Meer, bis es erneut verdunstet.

In Städten ist dieser ewige Kreislauf aus Verdunstung, Niederschlag und Abfluss stark beeinträchtigt. Die vielen mit Asphalt, Steinen oder Beton versiegelten Flächen verhindern, dass Niederschlag in den Boden gelangt. Damit es bei Regen zu keinen Überschwemmungen kommt, leiten die Kommunen den anfallenden Niederschlag über die Kanalisation ab. Wertvolles Trinkwasser aber auch Wasser für Pflanzen und wasserabhängige Ökosysteme geht so unwiederbringlich verloren.

Gefährliche Abwässer

Fischsterben im Machnower See durch Sauerstoffmangel infolge von Überläufen aus der Kanalisation  (Dr. Achim Förster)

Nicht immer gelingt es jedoch, das Regenwasser gemeinsam mit unseren Abwässern aus Haushalt und Industrie ordnungsgemäß zu den Klärwerken zu leiten. Vor allem bei Starkregen kommt unsere Kanalisation schnell an ihre Grenzen. Ist ein bestimmter Schwellenwert überschritten, wird das Abwasser über einen Überlauf in unsere Oberflächengewässer eingeleitet, ohne dass es vorab in irgendeiner Form gereinigt wurde. Oft enthält es Reifenabrieb und Hundekot von den Straßen, Blätter und Pollen sowie Chemikalien von Dächern und Hauswänden. Innerhalb des S-Bahnrings und damit im Bereich der sogenannten Mischwasserkanalisation, in der Regenwasser zusammen mit Haushalts- und Industrieabwässern in einem Rohr zu Kläranlage geleitet werden, sind Überläufe besonders kritisch. Neben verunreinigtem Regenwasser gelangen dann ebenfalls Fäkalien, Schwermetalle und umweltschädlichen Chemikalien in die Umwelt. Zu diesen Überläufen kommt es an durchschnittlich 30 bis 40 Tagen im Jahr - mit katastrophalen Folgen für unsere Gewässer. So verwundert es kaum, dass Berlin die Ziele der EU-Wasserrahmenrichtlinie, die einen guten Zustand aller Gewässer bis 2027 vorsieht, bisher weit verfehlt.

Das Konzept „Schwammstadt“

Das Konzept der Schwammstadt "Sponge-City" ist ein Konzept der Stadtplanung, das versucht, sich dem natürlichen Wasserkreislauf in Städten wieder anzunähern. Anfallendes Regenwasser soll lokal aufgenommen und gespeichert werden, indem sich die Stadt mithilfe unterschiedlicher Maßnahmen "vollsaugt wie ein Schwamm". Die Planungen variieren von Maßnahmen am Gebäude und auf dem angrenzenden Grundstück bis hin zu quartiersbezogenen Planungen. Sie stellen dabei eine Kombination aus Regen-Rückhalt, Entsiegelung, Abkopplung, Versickerung und Verdunstung dar.

Die Maßnahmen im Detail

Mithilfe der extensiven (ohne gärtnerische Pflege) oder intensiven (mit gärtnerischer Pflege) Dachbegrünung von Häusern und Tiefgaragen lassen sich 50 bis 100 Prozent des Jahresniederschlags zurückhalten. Die Begrünung von Fassaden mit Kletterpflanzen oder mit „Living Walls“, bei der die Fassade direkt bepflanzt wird, trägt vor allem durch die Verdunstungskühle und einer Wärme- bzw. Kälte- und Windisolierung zu einem besseren Mikroklima bei. Regenwasser vom Dach kann zudem in Sammelbehältern am Gebäude gespeichert werden und als Toilettenspülwasser, zu Reinigungszwecken, zur Bewässerung oder  - aufbereitet und mit spezieller Technik - auch für die Kühlung des Gebäudes verwendet werden.

Auf Verkehrsflächen können regendurchlässige Bodenbeläge zum Einsatz kommen. Auf sonstigen Flächen ist die flächenhafte Versickerung über ausgedehnte Grünflächen möglich oder entlang von Straßen- und Gehwegen mit Mulden bzw. Mulden Rigolen-Elementen. Rigolen zeichnen sich dadruch aus, dass sie einen meist mit Kies gefüllten Staukörper enthalten, der bei weniger gut durchlässigen Böden Niederschlag aufnimmt und zwischenspeichert. Spezielle mit Bäumen bepflanzte Rigolen setzen vor allem auf die Verdunstungsleitung des Baumes. Hier wird überschüssiges Sickerwasser gesammelt und verzögert an die Baumwurzeln abgegeben.

Bei ausreichend Platz können auch künstlich angelegte Teiche, Gräben und Regenrückhaltebecken zum Einsatz kommen, die vorab gereinigtes Regenwasser kurz- oder langfristig speichern und zur Verdunstung bringen.

Wichtig ist zudem, die unterirdischen Stauraumkapazitäten in der Kanalisation zu erhöhen, um Überläufe zu verhindern. In unterirdischen Becken und Kanälen kann Wasser so zwischengespeichert werden, bevor es zum Klärwerk gefördert wird.

Maßnamen der Dezentralen Regenwasserbewirtschaftung. Mit einem Klick auf die Bilder erfahren Sie mehr über die jeweilige Maßnahme. (c) BUND Bezirksgruppe Südwest, Reinhardt Löwe

Vorteile des Schwammstadtkonzeptes

All diese Effekte wirken sich nachweislich positiv auf den Wasserkreislauf und unser Stadtklima aus, indem sie Wasser lokal halten und den Hitzestress durch Verdunstung reduzieren. Denn in den Städten liegt die Temperatur stets um ein bis drei Grad und in der Nacht sogar bis zu 12 Grad Celsius über den Werten des Umlandes. Dieser "Wärmeinseleffekt" wird bei fortdauernder Klimaerwärmung insbesondere im Sommerhalbjahr zunehmend belastender. Gleichzeitig leidet Berlin immer stärker unter Wasserknappheit. Eine zügige Umsetzung des Schwammstadtkonzeptes ist daher für die Klimawandelanpassung dringend erforderlich.

Darüber hinaus können begrünte Dächer, Fassaden und Versickerungsflächen je nach Artenzusammensetzung der ausgewählten Pflanzen einen wichtigen Beitrag für die Biodiversität leisten und die Freiraumqualität der Stadt deutlich steigern. Zum einen bieten sie Pflanzen und Tieren Platz und zum anderen versorgen sie diese mit Feuchtigkeit. Bäumen in Rigolen geht es bei entsprechender Wasserqualität im Sommer deutlich besser, als Bäumen in herkömmlichen Pflanzgruben.

Zu wenig ambitioniert

Die Berliner Landesregierung hat sich in ihrem Koalitionsvertrag die Ziele gesetzt, die Gebäude- und Grundstücksflächen, von denen Regenwasser direkt in die Mischwasserkanalisation eingeleitet wird, jährlich um 1% zu reduzieren und eine Regenwasseragentur einzurichten, die für die Öffentlichkeitsarbeit, Sensibilisierung, Beratung und Wissenstransfer zuständig sein wird.

Die Agentur hat ihre Arbeit im Mai 2019 aufgenommen. Bezüglich des 1 %-Ziels ist hingegen kaum etwas passiert. Das Ende August 2019 ins Leben gerufene 1000-Grüne-Dächer-Programm, das für private Hausbesitzer*innen Anreize schaffen soll, ihre Dächer zu begrünen, kann nur knapp über hundert Voranträge verzeichnen. Über Erfolge, Regenwasser als Betriebswasser im Haushalt bspw. für die Toilettenspülung zu nutzen, ist dem BUND bisher gar nichts bekannt.

Lediglich im Bereich des Starkregenmanagements gab es größere Anstrengungen. Im Rahmen des Gewässergütebauprogramms haben die Berliner Wasserbetriebe etwa 60 Maßnahmen zur Schaffung von Stauraumkanälen, Regenbecken und Schwellenanhebung an Überläufen umgesetzt. Mit dem Konzept der Schwammstadt, Regenwasser effizient zu nutzen, es verzögert zum Abfluss zu bringen und das Stadtklima zu verbessern, hat diese Maßnahme jedoch nur marginal etwas zu tun. Um den Erfordernissen einer resilienten Stadt gerecht zu werden, sind noch weitaus größere Kraftanstrengungen nötig.

Der BUND Berlin setzt sich daher für eine zügige Einführung der dezentralen Regenwasserbewirtschaftung ein. Wenn Sie zu diesem Thema bei uns aktiv werden möchten, dann senden Sie eine Mail an Arbeitskreis Sprecher Wasser, Dr. Richard Karty oder an den BUND Berlin Südwest

Kontakt

Landesarbeitskreis Wasser Berlin-Brandenburg


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