„Deutschland kann sich das leisten“

Volker Quaschning, geboren 1969, studierte Elektrotechnik in Karlsruhe und promovierte an der TU Berlin zur Verschattung von Fotovoltaiksystemen. Seit 2004 ist er Professor für Regenerative Energiesysteme an HTW Berlin. Sein Lehrbuch „Regernative Energiesysteme: Technologie, Berechnung, Simulation“ von 1998 erschien mittlerweile in der neunten Auflage und wurde ins Englische, Russische und Arabische übersetzt. Er betreibt einen eigenen Videokanal zu Klimaschutz- und Energiefragen unter www.youtoube.com/c/VolkerQuaschning.

Volker Quaschning, Professor für Regenerative Energiesysteme, über kühlschrankgroße Batterien, Biomasse in Bioqualität und eine Analogie zum Rauchverbot

Herr Prof. Quaschning, was passiert, wenn man von heute auf morgen ein Braunkohlekraftwerk wie Jänschwalde abschaltet? Gehen dann in Berlin und Brandenburg die Lichter aus?

Nein, das mit Sicherheit nicht, schließlich produzieren wir mehr Strom in der Region, als wir verbrauchen. Auf ein Kraftwerk können wir darum problemlos verzichten. Es gibt aber auch Zeiten, in denen erneuerbare Energien nicht ausreichend verfügbar sind. Für solche Situationen fehlt es derzeit noch an geeigneten Speichern, um wirklich alle Kohlekraftwerke dauerhaft abschalten zu können. Das bedeutet: Wir müssen jetzt schnell in Speichertechnologien investieren und gleichzeitig gezielt aus der Kohleverstromung aussteigen.

Wie werden diese Speicher aussehen?

Es wird eine Kombination aus verschiedenen Speichern geben. Das können Batterien sein, die Sonnenstrom über Nacht speichern. Für Fotovoltaikmodule auf dem Dach eines Einfamilienhauses reicht eine Batterie in Größe eines Kühlschranks. Batterien haben den Vorteil, dass man sie direkt bei den Verbrauchern installieren kann. Für den Winter braucht man Power-to-Gas, das heißt man wandelt beizeiten überschüssigen Wind- oder Solarstrom in Gas um, das man in unterirdischen Speichern lagert. Solche Gasspeicher gibt es flächendeckend in Deutschland. Das Power-to-Gas-Verfahren ist erprobt, die Anlagen funktionieren einwandfrei und haben bereits recht gute Wirkungsgrade. Aber es gibt bislang viel zu wenig davon. Hier muss man nun ordentliche Stückzahlen bauen, um die Kosten zu senken.

Ein Argument gegen einen schnellen Ausstieg aus der Kohleverstromung lautet, man benötige fossile Kraftwerke als Reserve, falls Sonne und Wind ausfallen. Stimmt das?

Auf Dauer brauchen wir keine Reservekraftwerke. Das gilt aber erst, wenn wir bei einem hundertprozentigen Anteil der Erneuerbaren sind. Gegenwärtig sind wir erst bei 32 Prozent. Wir müssen also massiv ausbauen, und da ist die Windenergie die erste Option.

Oft hört man, es müssten neue Stromtrassen gebaut werden, um Windstrom von Norden nach Süden zu bringen. Wie viel Wahrheit und wie viel Dichtung steckt da drin?

Zehn Prozent Wahrheit, neunzig Prozent Dichtung. Dem Netzentwicklungsplan der Bundesregierung liegen falsche Annahmen zugrunde, nämlich dass wir auch im Jahr 2030 noch einen großen Anteil Kohlestrom im Netz haben werden – das passt nicht mit den Verpflichtungen aus dem Pariser Klimaschutzabkommen zusammen. Eigentlich weiß im Moment niemand, welche Leitungskapazitäten wir am Ende ohne die Kohlekraftwerke wirklich brauchen, da das von vielen Parametern abhängt.

Was kann Biomasse zur Strom-, Brennstoff- und Wärmeversorgung leisten, wenn man Probleme wie Monokulturen, Düngemittel, Energieverbrauch bei der Herstellung und Konkurrenz mit Lebensmitteln berücksichtigt?

Das Potenzial ist sehr begrenzt. Sinnvoll ist der Einsatz von Biomasse in manchen Sektoren, die sich nicht ohne Weiteres dekarbonisieren lassen, etwa der Flugverkehr. Beim motorisierten Individualverkehr sind Elektrofahrzeuge eindeutig vorzuziehen. Und was die Produktion angeht: Man kann verstärkt die Reststoffe aus der Nahrungsmittelproduktion verwenden. Oder man produziert Energiepflanzen ohne Pestizide und Dünger und nicht in Monokulturen, sozusagen Bio-Biomasse. Das würde teurer, aber Deutschland kann sich das leisten.

Wie viel Solarstrom könnte Berlin selbst herstellen?

Bundesweit ist ein Solaranteil von 30 Prozent im Strommix realistisch. In den Städten etwas weniger, eher um 20 Prozent. Aber momentan liegen wir in Berlin bei unter drei Prozent. Wenn man sich so umschaut, sieht man auf den Berliner Dächern noch so gut wie nichts von der Energiewende.

Was halten Sie für die größte Herausforderung für den Klimaschutz im urbanen Raum?

Da ist zum einen der Verkehrsbereich, in dem es nicht reicht, nur Schaufensterprojekte zur E-Mobilität zu machen. Hier müssen wir dringend über eine Maut für Benzin- und Dieselfahrzeuge nachdenken oder gar über ein generelles Fahrverbot in der Innenstadt. Und dann der Gebäudebereich: Da sollten Baugenehmigungen nur erteilt werden, wenn die Neubauten klimaneutral sind.

Gerade bei der Mobilität stellt sich die Frage, ob die Energiewende nicht auch eine Lebensstilwende sein muss.

Lebensstiländerungen würden den Klimaschutz deutlich vereinfachen. Aber das betrifft auch andere Bereiche, etwa die Ernährung. Nun ist die Erwartung, dass wir alle plötzlich vegetarisch leben und nie wieder autofahren, wenig realistisch. Also sollte man einen Plan B bereit haben. Wenn die Menschen nicht bereit sind, ihren Lebensstil zu ändern, dann brauchen wir technische Lösungen. Die sind aber komplizierter und teurer als Verhaltensänderungen. Es handelt sich um Wenn-dann-Entscheidungen. Wenn wir ambitioniert in erneuerbare Energien investieren, dann schaffen wir den Klimaschutz. Wenn nicht, dann hat das bestimmte Folgen. Das muss man in der Gesellschaft diskutieren. Die Politik schreckt in vorauseilendem Gehorsam vor bestimmten Maßnahmen zurück, weil sie glaubt, die Bevölkerung will zwar Klimaschutz, aber nicht die damit verbundenen Konsequenzen.

Wünschen Sie sich eine Volksabstimmung über den Klimaschutz?

Warum nicht? Ich könnte mir vorstellen, dass das anders ausgeht, als man immer so befürchtet. Denken Sie mal an das Rauchverbot in Gaststätten. Bevor es eingeführt wurde, hieß es, niemand würde es akzeptieren. Und stellen Sie sich jetzt vor, man wolle das Rauchverbot wieder abschaffen. Dagegen würde sich mit Sicherheit großer Widerstand formieren. Eine Volksabstimmung hätte den Vorteil, dass sich alle mit dem Thema auseinandersetzen müssen. Und am Ende hätten wir dann ein Rauchverbot für unsere Energieversorgung oder die Erkenntnis, dass der Mehrheit der Klimaschutz und dessen Folgen reichlich egal sind. Aber auch das wäre besser als das heutige Lippenbekenntnis zum Klimaschutz, ohne dafür auch nur ansatzweise die nötigen Maßnahmen zu ergreifen. 

Das Interview erschien in der BUNDzeit 2017-1

BUND-Bestellkorb