„Die Widersprüche sind unlösbar“

Johannes Kapelle, geboren 1936, arbeitete nach seinem Studium der Mathematik, Physik und Landwirtschaft unter anderem im Rechenzentrum Landwirtschaft in Cottbus. Seit sechs Jahrzehnten wohnt er in Proschim. Einem größeren Publikum wurde er als Hauptdarsteller des Kurzfilms „Opa ohne Lobby“ bekannt.

Johannes Kapelle, langjähriger Bewohner des vom Tagebau Welzow Süd II bedrohten Dorfs Proschim, über die Gründe, sich gegen Vattenfalls Braunkohlepläne in der Lausitz zu wehren

Herr Kapelle, bitte beschreiben Sie uns Ihr Dorf, das nach dem Willen von Landesregierung und Vattenfall weggebaggert werden soll.

Proschim liegt zwischen Welzow und Spremberg und gehört zu den noch weitgehend erhaltenen Dörfern sorbischen Ursprungs, eine wendisch-deutsche Siedlung mit einem Kernbestand größerer Bauernhöfe und einem Hauptanger. Es ist ein Dorf, das sehr einheitlich wirkt. Durch den Tagebau mussten wir bisher schon viele Flächen einbüßen, Land- und Forstwirtschaft sind aber nach wie vor sehr leistungsstark. Viele Menschen aus der Umgebung kommen zur Arbeit hier her. In der Umgebung sind viele Dörfer durch den Tagebau geschrumpft, die Flächen sind verschwunden. Wir haben nur noch 70 Prozent unserer Fläche, der Rest ging an den schon aktiven Tagebau Welzow.

War das Leben am Tagebau schon immer eine ständige Bedrohung?

Ich selbst wohne über 50 Jahre hier, meine Frau schon ihr ganzes Leben lang. Seit 1870 ist hier Bergbau in irgendeiner Form. Die Menschen sind den Tagebau gewöhnt, aber das Dorf wurde nie angetastet. Unsere Kirche wurde 1919 mit Prüfung von Kohlefachleuten gebaut. Man wusste, dieses Dorf ist zu wertvoll in seiner Struktur und in seiner Verkehrslage. Es ist ein lebenswerter Raum, den man respektieren muss, wie der damalige Umweltminister Töpfer nach der Wende sagte. Man kann nicht das letzte zentrale Dorf in der Region einfach ausradieren.

Wann wurde das Dorf Proschim erstmals bedroht?

1984 kamen die ersten Pläne, die aber von der Wende gestoppt wurden. Die Braunkohleproduktion in Ostdeutschland wurde damals von 330 auf 60 Millionen Tonnen reduziert. Nachdem viel Geld in die Dorferneuerung geflossen ist, glaubten wir nicht mehr, dass der Tagebau kommen könnte. Mit den Bergbaubetreibern haben wir immer nach Lösungen gesucht, die bisher entstandenen Schäden zu beseitigen. 1995 haben wir zusammen mit der Laubag, die in Vattenfall aufgegangen ist, den Zollhausteich auf einer Fläche von 1,4 Hektar wiederhergestellt, früher hatten wir allerdings 40 Hektar Teiche, die durch die Entwässerungsmaßnahmen zerstört wurden. Als 2007 ein Antrag von Vattenfall kam, das Feld II zu aktivieren, war das einer eigentlich schönen Entwicklung geschuldet, nämlich dass der Militärflugplatz Welzow nicht mehr gebraucht wurde. Aber unter dem Flughafen liegen 70 Millionen Tonnen Kohle, die die Raffgier weckten. Auch im Wohnbezirk V von Welzow befindet sich ein großes Kohlefeld, das dann unter Proschim ausläuft.

Wie ist die Stimmung im Dorf?

Einige Neuangesiedelte nenne ich spaßhaft „trojanische Pferde“, die sind als Angestellte des Tagebaus gekommen, finden die Kohle eine gute Sache und haben als Mieter nicht so große Probleme, wenn sie Häuser verlassen müssen, die nicht ihre eigenen sind. Die Vattenfall-Angestellten haben natürlich Hemmungen, sich gegen die Pläne ihres Betriebs zu wenden, was ich verstehen kann.

Bezieht Proschim Strom aus Braunkohle?

Nein, im Gegenteil: Wir exportieren Strom aus erneuerbaren Energien. Die Leute, die eigene Häuser haben, können mühelos mehr als 30 Kilowatt Fotovoltaik installieren. Meine Frau und ich zum Beispiel: Auf einer Fläche, die wir verpachten, steht eine Windkraftanlage. Seit 1992 haben wir eine Holzheizung, außerdem 25 Kilowatt Fotovoltaik zum Verkauf sowie eine Fotovoltaikanlage, die von morgens bis abends vier bis fünf Kilowatt zum Eigenverbrauch liefert. In der Summe hat unser Dorf 13 Megawatt Windkraft, eine Biogasanlage mit 530 Kilowatt und über 1.000 Kilowatt Fotovoltaik. Wir versorgen 15.000 Menschen mit Strom.

Wie lebendig ist das Dorf Proschim?

Im Augenblick baut ein junger Mann wieder auf dem Hof seiner Familie. Und wir haben heute noch einen Hof, in dem vier Generationen unter einem Dach wohnen. Wir haben sehr viele Vereine, zum Beispiel die traditionelle Landfrauenbewegung. Ein relativ junger Verein kümmert sich um unsere historische Mühle und sammelt das alte Kulturgut sämtlicher Dörfer der Umgebung, die für den Tagebau devastiert wurden. Da ist inzwischen eine wertvolle Sammlung über Imkerei, Schuhmacherei, Milchwirtschaft, Landwirtschaftstechniken zusammengekommen. Proschim ist ein von lebendiger Vielfalt geprägtes Dorf.

Wie geht es nach der Entscheidung der Landesregierung gegen Proschim weiter?

Die politische Entscheidung der Landesregierung ist bedauerlich, sie hat für uns aber keine Bedeutung. Die Fortführung von Tagebauen ist energiewirtschaftlich nicht mehr erforderlich, darin stimmt die Mehrheit der Fachleute überein. Deshalb werden wir uns mit allen uns denkbaren Mitteln zur Wehr setzen und für Proschim kämpfen. Die Heimat lässt man sich nicht abkaufen, die Heimat verteidigt man.

Sie sagen, es gibt unlösbare Widersprüche im Zusammenhang mit dem Tagebau. Was meinen Sie damit?

Widerspruch 1: Es kann keine wirkliche Akzeptanz für den Tagebau geben. Verantwortungsbewusste Proschimer werden ihr Eigentum nicht verkaufen, denn ein lebendiges Dorf mit all seinen Verbindungen zur Umgebung, seinen Wäldern, Feldern und Teichen kann man nicht verpflanzen. Widerspruch 2: Der Tagebau gefährdet die Lausitzer Seenkette, besonders ihren Nordrand. An den Kanten wird es trotz Dichtwand Probleme geben. Widerspruch 3: Der Tagebau steht im Konflikt zum Minderheitenschutz, die sorbische Identität ist aber zu schützen. Widerspruch 4: Der Tagebau verhindert intelligentes Wachstum, indem er die Energiewende ausbremst. Diese Widersprüche sind unlösbar, und hier wird unser Widerstand zur Pflicht.

Das Interview erschien in der BUNDzeit 2014-3.

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